Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Die Wanderungsziele der sephardischen Emigranten
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 439 (sequence 1)
- Language
- German
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Rudolf Levy: Die Wanderungsziele der sephardischen Emigranten Seit der Zerstörung des Tempels ist die Geschichte des jüdischen Volkes eine Geschichte seiner Wanderungen. Im Laufe dieser Geschichte gab es Perioden, in denen es schien, als sei die Wanderbewegung zum Stillstand gekommen. Es bildeten sich Zentren jüdischen Lebens, in denen geistige Kultur und wirtschaftlicher Aufschwung einen Höhepunkt jüdisch er Geschichte anzeigten. Eines dieser Zentren war durch Jahrhunderte die Pyrenäenhalbinsel. Unter den arabischen Kalifen erlebten die spanischen Juden im Zusammenwirken mit der sich damals entfaltenden islamischen Kultur eine Zeit höchster geistiger und wirtschaftlicher Blüte. Auch die christlichen Könige Kastiliens gewährten anfangs den Juden gute Entwicklungsmöglichkeiten. In autonomen städtischen Gemeinden, den Juderien, konnte sich auf der Grundlage eigener Gerichtsbarkeit, Gemeinde- und Steuerverwaltung ein bürgerliches Leben entwickeln, das einen guten Boden für handwerkliche, kaufmännische und geistige Berufe bildete. Sowohl die christlichen Könige wie die islamischen Herrscher wußten jüdischen Rat, jüdische Finanzkunst und jüdische Heilkunst zu schätzen. In dem feudalen Gesellschaftssystem jener Zeit erfüllten die Juden als breite aktive Bürgerschicht eine wichtige soziale Funktion. Je stärker aber der Einfluß der katholischen Kirche in Spanien wurde, um so gefährdeter wurde die Lage der Juden. Die Zahl derer, die die Taufe nahmen, wuchs ständig; und die Conversos wurden die fanatischsten Judenfeinde. Sie waren mit der Zeit auf den höchsten Stufen der kirchlichen und weltlichen Hierarchie zu finden. Aber das starke Mißtrauen der katholischen Kirche gegen Ketzereien in den eigenen Reihen fand sehr bald heraus, daß ein großer Teil der Bekehrten heimlich weiter die Vorschriften des jüdischen Ritus befolgte. Die Gerichte der Inquisition begannen ihr furchtbares Werk. Aber alles geistliche Reinigungswerk mußte in den Augen der Kirche vergeblich bleiben, solange noch Juden in Spanien waren und ihre geheimnisvolle Anziehungskraft auf die Bekehrten ausübten. So erging im Schicksalsjahre 1492 von der Alhambra zu Granada das Dekret Ferdinands und Isabellas, das die Ausweisung der Juden, wenn auch unter Mitnahme ihrer Habe, aus 439