Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Mußkaufmann?
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 434 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Der junge Kaufmann das Bewußtsein haben, einen Wert zu schaffen. Ich wurde mit dieser Frage nicht leicht fertig — so gesehen ist der Beruf des Kaufmanns eine spröde Sache. Dem Recht zu helfen, leidende Menschen zu heilen, dem Staat zu dienen — das sind fraglose Werte. Heute sind sie uns zum eist verschlossen; aber auch das Werk unserer Hände als ein Fertiges und Ganzes vor uns zu haben, aus totem Stolz einen lebendigen Tisch zu zimmern, Balken und Träger zu einem Haus zu fügen, ist sinnvolle Befriedigung. Es ist einzusehen, daß die Herstellung von Gütern, aber auch ihre Verteilung und Bereitstellung in rechter Form am rechten Ort zur rechten Zeit ein notwendiges Amt innerhalb der Gesamtheit bedeutet. Aber Sinn und Freude darin zu finden — das versteht sich nicht von selbst. Allmählich habe ich gesehen, wie schwer im nüchternen Bereich wirtschaftlicher Vorgänge Dinge wiegen, die so wenig wägbar sind wie Persönlichkeit und Haltung, Ruf und Vertrauen, daß hier Gesinnung sich unmittelbar auswirkt und Tradition bindend verpflichtet. Solche Werte bestimmen geradezu das „Wie" der Arbeit, das darum gewichtiger werden kann als das „Was". Nicht nur mit Ware hat der Kaufmann zu tun, sondern, fast mehr noch, mit lebendigen Menschen. Seien sie Mit- oder Gegenspieler, gleichgestellt, vorgesetzt oder untergeordnet, immer sind sie der unmittelbarste Bezirk unseres Handelns. Auf diesem Feld gibt es Erfolge, die uns mehr bedeuten als Geld, von dem ich meinte, daß es der alleinige Maßstab kaufmännischen Erfolgs sein müsse. Was verlangt der Beruf von uns? Eine Sache zu kaufen und sie mit Gewinn zu verkaufen — das klingt weit einfacher, als es im Gefüge heutiger Wirtschaft zu sein pflegt. Kaufmann ist ja der Händler vom Grünkramladen an der Ecke bis zum weltumspannenden Handelshaus ebenso wie der Fabrikant vom Zwergunternehmen mit zwei Maschinen bis zum Stahlwerk, und der „Stift" nicht anders als der Herr Generaldirektor. Ohne Zweifel sind die Ansprüche zumal an den selbständigen Kaufmann ungern ein gestiegen: nicht allein wird die selbstverständliche Warenkenntnis, die vom Rohstoff bis zum Endprodukt nicht gründlich genug sein kann, durch Aufkommen neuer Materialien immer schwieriger; Gesetze, Steuern, Devisenverordnungen, die uns unmittelbar betreffen, erfordern ein Studium; die Bedeutung des Autos verlangt von uns technische und handwerkliche Kenntnisse — das sind nur ein paar Gebiete. Denken wir dazu an Nebendinge, die, wie Versicherungen und Spedition, nur hereinragen, so sehen wir dort große Arbeits¬ und Wissensbereiche für sich; wenn sich unsere Tätigkeit ins Ausland erstreckt, so treten Kenntnisse anderer Sprachen und damit anderer Welten hinzu. Der Weg zu dem allem ist uns Juden nicht fremd: Lernen; geduldig kleine Dinge genau und sorgfältig tun, nur an ihnen kannst Du zu den großen reifen; arbeiten und nicht leicht zufrieden sein. 434