Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Ungleichzeitigkeit und Gleichzeitigkeit
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 431 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ungleichzeitigkeit und Gleichzeitigkeit Zukunft". Und auch darüber herrscht eine gewisse Übereinstimmung, daß jede einmal denkbare Neueingliederung nicht den einzelnen Juden als „Menschen", sondern nur die Gruppe des deutschen Judentums als Ganzheit, und den Einzelnen nur als seiner selbst bewußten Exponenten der Gemeinschaft zum Gegenstand haben könne. Im Temperament wie in Einzelheiten gehen freilich die Bearbeiter auseinander: neben Heinz Kellermanns frischer unbekümmerter Jugend ist Leo Löwenstein nüchterner und standortgebundener; Alfred Hirschbergs kluge und verantwortungsvoll abwägende Formulierungen allein setzen sich mit der ganzen Breite der Probleme auseinander, ob er nun dieVerwirklichung deutschjüdischer Synthese aus der Außenwelt in die Innenwelt verlegt, ob er jüdischen Gruppenwert bejaht oder die Anwendung des Minderheitenbegriffs auf das deutsche Judentum ablehnt. Ob freilich, auch in veränderter Fassung, die alten Begriffe Emanzipation und Assimilation auf den heutigen Zustand noch anwendbar sind, lassen wir dahingestellt; vielleicht wäre es besser, sie durch ganz neue zu ersetzen. Denn wenn der Emanzipation die Dissimilation (wie der Antithese die These) darin entspricht, daß ein noch nicht erreichter Zustand in der Gesetzgebung vorweggenommen und durch sie erst ausgelöst wird, müßte der Neueingliederung auch begrifflich eine Synthese entsprechen. Und der Begriff Assimilation litt schon immer unter einer Doppelbedeutung: es ist derselbe Unterschied, wie wenn etwa die christliche Mission primitive Stämme zu sich bekehren oder ein Mitglied solcher Stämme sich bekehren will. Beiden Formen der Assimilation,. der des eigenen Willens und der der überlegenen Kraft, steht heute zu vieles im Wege, als daß sie begrifflich wesentlich sein könnten. Der Wert der deutschen Juden für die deutsche Kultur könnte weder in ihrer radikalen Fremdheit, wie man sie jetzt sieht, noch in ihrer deckungsgleichen Ähnlichkeit, wie man sie früher annahm, gefunden werden, sondern nur, wie bei zwei Ehegatten, in der glücklichen Mischung fremder und ähnlicher Elemente, die fruchtbare Spannungen ermöglicht. Erst darüber hinaus ist es sicherlich richtig, daß einem Deutschtum, das Sache der Geburt ist, eine Deutschheit an die Seite tritt, die auch von Deutschen immer wieder erst erworben werden will. 431