Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Ungleichzeitigkeit und Gleichzeitigkeit
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 430 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ungleichzeitigkeit und Gleichzeitigkeit Auch eine Art von „Ungleichzeitigkeit" — wenn man will, sogar die stärkste — ist die Rückwendung zum Judentum, über deren Echtheit und Notwendigkeit doch keine Zweifel bestehen. Aber diese Rückwendung bedeutet nicht einen Rückfall in die Bewußtseinsstufe einer früheren Zeit, sondern ein Zurückgehen in die Zeitlosigkeit des religiösen Erlebens. Sie bedeutet einen zeitweise vielleicht ungeschichtlichen Standpunkt nach außen, nach innen aber den geschichtslosen, von dem aus alle geschichtlichen Verflechtungen erst neu zu überprüfen und zu bestätigen sind. Ja, die größte Schwierigkeit auf diesem Wege liegt darin, daß auch das Zeitlose immer neu erlebt werden will und daß uns die Formen, die es in der Vergangenheit angenommen hat, nicht angemessen erscheinen ohne eine Neugestaltung, — zu der wir uns doch noch nicht berechtigt fühlen. Andererseits vollzieht sich das Leben der deutschen Juden nicht im luftleeren Raum. Drängende Fragen erwarten eine Antwort, auch ehe eine jüdische Neufundierung die volle Tiefe dieser Antwort erlaubt. Religion und Wirtschaft sind deshalb heute die Pole der Zeitferne und der Zeitnähe. Von beiden her — und je nach der Stellung des Urteilenden mehr von der einen oder der anderen Seite beeinflußt — bestimmt sich jede Überlegung über die Formen, unter denen die Existenz des deutschen Judentums in Zukunft möglich sein wird: eine Überlegung, die deshalb um so notwendiger erscheint, weil noch keine konstruktiven Linien sichtbar geworden sind, die über den Schwebezustand einer negativen „Dissimilierung" hinaus eine neue Dauerform bestimmen könnten. Eine Antwort auf diese Fragen versucht eine Sammelschrift des Vortrupp-Verlags, „Wille und Weg des deutschen Judentums", zu der, außer dem Herausgeber Dr. H. J. Schoeps, auch Dr. Alfred Hirschberg für den Centraiverein, Dr. Leo Löwenstein für den Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten, Heinz Kellermann für den Bund deutschjüdischer Jugend Beiträge zur Verfügung gestellt haben. Gemeinsam ist allen Bearbeitern das Ziel ihrer Überlegung: „ein seiner Werte bewußtes Judentum in lebendiger Verknüpfung mit deutschem Land, deutscher Geschichte und deutscher 430