Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Ungleichzeitigkeit und Gleichzeitigkeit
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 432 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ungleichzeitigkeit und Gleichzeitigkeit In einer Besprechung dieser Broschüre durch Ernst Simon (in der Jüdischen Rundschau vom 18.12.34) findet sich die richtige, nur von dieser Seite selten gehörte Bemerkung, der deutschjüdische Standpunkt sei nicht schwieriger zu leben als der zionistische, sondern nur schwieriger zu formulieren. Gerade deshalb kommt der deckenden Kraft solcher Formulierungen — und damit kehren wir wieder in den Gedankengang des Anfangs zurück — eine besondere Bedeutung zu: denn Formeln erklären das Leben nicht nur, sie geben ihm auch die Richtung. In Palästina z. B. darf man es der Zeit überlassen, wie sich das alte Pionierideal der sich selbst genügenden Bauernsiedlung mit der neuen Wirklichkeit des Orangenkollektivs auseinandersetzt; in Deutschland kann jede an der Wirklichkeit vorbeitreffende Formulierung unmittelbar gefährlich sein. Deshalb müssen wir der Forderung von J. H. Schoeps (in der genannten Sammelschrift), daß „geschichtliches Bewußtsein nur um den Preis der Zwecklosigkeit, der Befreiung von jedem zwecklichen Denken zu haben" sei, noch schärfer widersprechen als den Folgerungen, die er daraus zieht: die sind nur grotesk, der Standpunkt ist gefährlich. Während Schoeps z.B. das Amt des altjüdischen Königs in säkularisierter Form auf die Weltvölker übergegangen sieht (!), nimmt er für sich selbst nicht mehr und nicht weniger als die Sicherheit prophetischer Schau in Anspruch. Ein Chiliasmus, der mit sich selbst kokettiert, gewinnt dadurch nicht an Berechtigung. Aber es kommt uns nicht auf diesen Einzelfall verzweifelter Hybris an, sondern auf die Methode dieses Denkens. Denn hier werden Tatsachen, Forderungen metaphysisch-theologisch gedeutet, für die solche „Wesensschau" weder möglich noch notwendig ist. Gerade dem religiösen Menschen liegt es am fernsten, die eigene Meinung fingerfertig für Gottes Willen auszugeben; die alten Tannaiten wandten sich aus der politischen Trübsal ihrer Zeit der Deutung der Vergangenheit zu — die Gegenwart blieb ihnen im Dunkel. Einer Verführung aber, aus Bereichen des Lebens, die nicht „Ungleichzeitigkeit", sondern waches Denken erfordern, in das Dämmerlicht fragwürdiger Offenbarung zu entgleiten, wollen wir uns mit um so größerer Entschiedenheit widersetzen, je mehr uns daran liegt, daß eines Tages wirkliche Religiosität auch diese Bereiche durchdringt. H.B. 432