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Der Morgen · 1934-12-01 · Heft 9 (Dezember 1934) · p. 423

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 9 (Dezember 1934)
Article
Die kümmerlichen Zeiten dauern fort [Rezension]
Date
1934-12-01
Page
423 (sequence 2)
Language
German
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Saul, 4er König, ist bei Hebel nur ein seltsamer alter Mann, nicht böse gegen David und gar nicht zu verurteilen, zumal David „wohl wußte, daß er dem alten wunderlichen Mann nimmer trauen durfte". Wie Sauls Bosheit aus seinem Alter, so wird bei Hebel dann auch Davids Sünde aus seinem Stande erklärt: „Ein mächtiger König hat größere Gelegenheit und Versuchung zur Befriedigung seiner Begierden, als ein anderer, wenn er Gott nicht stets vor Augen behält. Mancher, der sich in seiner Armut und Niedrigkeit wohl für fromm hält, wer weiß, wie er wäre, wenn er in Macht und Reichtum lebte und ungestraft und ungescheut tun könnte, was er wollte.. Ein gutes Herz kann tief fallen, aber es kann nicht lange in der Sünde verharren und ohne seinen Gott sein/' Man sieht schon aus diesen Beispielen, daß Hebel aus der Bibel weniger Heroismus als Toleranz gelernt und empfohlen hat. Dabei war es ihm — und schon die plastische und natürliche Art seines Erzählens beweist es ja — nicht um freundliche Geschichten, sondern ums Leben zu tun. Die Bibel war für den alemannischen Dichter und Prälaten Lehre und Leben. Darum nur konnte der seltsame Reiz scheinbarer Anachronismen in seine Sprache kommen, darum erscheinen die Erzväter bei ihm so klar und nah wie ländliche Patriarchen aus dem badischen Wiesental, darum kann er vermelden, daß der junge Samuel „den Gottesdienst lernte und gleichsam geistlich studierte", und „die drei ältesten Brüder des David waren bei der Landwehr". Bei Hebel ist die Bibel lebendig, sie spielt sich jederzeit ab, sie ist das Beispiel, woraus sich am schönsten alles Nötige lernen läßt, nämlich Rechtschaffenheit, ein herzliches Einvernehmen mit Gott, Toleranz und Vernunft. Diese vier gehören zusammen und kennzeichnen den Deutschen Hebel, den Mann seiner Zeit nicht minder als das hebräische Urbild. Ja, Hebels rechtschaffene Vernunftgläubigkeit ist so bestimmt, daß er manche Züge des Urbildes gern entbehrt und geflissentüch übergeht. Nur soweit er das Neue Testament nacherzählt, berichtet er Wunder, im Alten Testament kommt er ohne sie aus. Er vermeidet das Besondere und Ungewöhnliche, das Wunder und Verbrechen, wo es ohne Schaden angeht. Nach dem Ende von Sodom und Gomorra sagt er von Loths Frau: sie „verunglückte unterwegs". Die wunderbare Unerschöpflichkeit des ölkrügleins der armen Witwe, die Elia half, erklärt Hebel vollends ohne Wunder, aber auch, man beachte das nur, ohne Unglauben und Besserwissen: „Es ist wohl zu glauben, daß es gute Menschen aus der Nachbarschaft waren, welche der armen Frau täglich so viel zum Unterhalt des Propheten zutrugen, daß sie und ihr Kind auch davon zu leben hatten. Wiewohl Gott kann auch wunderbar die Seinigen retten und segnen und die Gutmütigkeit einer vertrauenden Seele belohnen. Weg hat er allewege. An Mitteln fehlts ihm nicht." Die letzten Kapitel des alttestamentarischen Teils hat Hebel merklich in einer Stimmung geschrieben, die man nur eine Stimmung nationaler Erschütterung nennen kann. Ob er nun das vorchristliche jüdische Reich mit der deutschen Zerrissenheit seiner Zeit gleichdachte oder 423

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