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Der Morgen · 1934-12-01 · Heft 9 (Dezember 1934) · p. 422

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 9 (Dezember 1934)
Article
Die kümmerlichen Zeiten dauern fort [Rezension]
Date
1934-12-01
Page
422 (sequence 1)
Language
German
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„Die kummerlichen Zeiten dauern fort" Eine Erinnerung an Johann Peter Hebels Biblische Erzählungen Die Bibel ist zwar nicht tot, aber man hat doch allerlei Wiederbelebungsversuche mit ihr angestellt. Man hat sie frottiert, gebürstet, gestriegelt, man hat ihr das vermeintlich Schädliche oder Überflüssige fortmassiert, man hat die Zeichen ihres Alters unkenntlich zu machen versucht, man hat kosmetische Kunststücke an ihr probiert; man hat, — man tut es noch! Und man mag nur weiterexperimentieren; die Bibel ist, wie alt auch immer, doch längst in dem Alter, da keine Rettungsversuche mehr schaden können. Selbst wenn wir annehmen, daß sie keine Zurechtstutzung nötig habe, daß sie weder Zutat und Deutung brauche noch Abstriche vertrage, selbst danin bleiben Johann Peter Hebels ,,Biblische Erzählungen" ein gutes und schönes Buch; der Wert des Werkes liegt nicht nur im biblischen Stoff, sondern ebenso in Hebels Erzählungskunst. Außer bei Claudius gibt es wohl in deutscher Sprache nirgends sonst so schlichte Freundlichkeit und so viel herzhaftes Verständnis wie in dieser Prosa. Leider ist sie in Vergessenheit geraten. Hebel ist zwar überhaupt ein Stiefkind der Literaturgeschichte und Klassiker-Ausgaben, aber die „Biblischen Erzählungen" fehlen sogar noch in den meisten Hebel-Ausgaben. Das Buch ist jetzt hundertundzehn Jahre alt. Es liest sich gut an zwei langen Abenden zu Ende, so rasch und in einem Zug scheint es geschrieben zu sein, und doch hatte sein Verfasser einige Jahre daran gearbeitet, ehe es 1824 endlich erscheinen konnte. Johann Peter Hebel war damals bereits Prälat, also höchster Beamter der evangelischen Landeskirche des badischen Herzogtums, aber in seinem Stil ist nichts beamtenhaft oder konsistorial oder kirchlich. Beim Erscheinen des Buches war Hebel vierundsechzig Jahre alt. Es ist also ein Alterswerk, und man merkt das auch. Keine hohe Tugend des Alters fehlt Hebels unbeschwerter und doch gemächlicher Epik, sie hat das Gleichmaß, den ausgewogenen Tonfall, die ausgleichende Gerechtigkeit, den milden Humor, die heitere, weise, gute und gütige Klarheit hoher Jahre. Wenn das klare, ungebundene Alter eine höhere Wiederkehr der Kindheit ist, muß dies das ideale Kinderbuch sein. Alter und Kindheit sind gleich herzlich und ungeniert herzhaft, und von linder Herzhaftigkeit strotzen die „Biblischen Erzählungen". Ohne Jaakobs Bild zu verzerren, zeichnet Hebel mit wenigen Strichen das beste Bild von Esau: „Ein Mensch, der das Freie liebte, leichtsinnig, aber gutmütig. So hatte ihn der Vater gern. Jaakob aber war ein stilles Büblein, das gerne daheim saß und mit häuslichen Geschäften sich vertat. Das gefiel der Mutter wohl." Und später, als Jaakob mit seiner Familie heimkehrt und sich ängstlich vor Esau bückt: „Aber Esau faßte die Sache kürzer, der hochherzige Mensch. Er ging auf seinen Bruder zu, herzte und küßte ihn..." 422

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