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Der Morgen · 1934-12-01 · Heft 9 (Dezember 1934) · p. 413

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 9 (Dezember 1934)
Article
Juden in den deutschen Landschaften
Date
1934-12-01
Page
413 (sequence 4)
Language
German
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Juden in den deutschen Landschaften v. Hofmannsthal, dessen „gedanklich beispiellos geschlossener formenreicher Schlußredaktion" der Wiener Spielbücher von vier Jahrhunderten er bezeugt, daß darin „Wien zu seiner eigensten Wesenheit erwacht". In der Einleitung zur „Literaturgeschichte" sieht Nadler die deutsche Judenfrage flächig als einen einzigen, auf breiter Tafel aufgetragenen Formenkreis. In der Einzelausführung muß er der räumlichen Verzweigung und Verästelung dieses Formenkreises bis ins Hintergründige hinein Rechnung tragen. Er muß Allerweltsjuden, deutsche Juden, Konvertitenjuden, Nationaljuden, um nur die Haupttypen zu nennen, unterscheiden. Der gesamten Anlage seines Werkes hätte es entsprochen, wenn er darüber hinaus versucht hätte, den jüdischen Schriftsteller in Deutschland auch in den ihm zugehörigen landschaftlichen Rahmen einzuordnen. Dann hätte er den Gründen nachspüren können, weshalb es Napoleonjuden am Rhein und Nationalitätenjuden an der Donau gegeben hat; weshalb der Ostdeutsche Bernstein in seinem „Vögele der Maggid" ein jüdisches Volksbild zur Darstellung bringt, während der nicht minder jüdische Süddeutsche Auerbach in seinem ,J3iethelm von Buchenberg" deutsches Volksleben gestaltet; weshalb das Weltbild des Berliner Staatsjuden Franz Oppenheimer so leicht und heiter wie das des fränkischen Volksjuden Jakob Wassermann düster und schwermütig ist. Worauf Nadler dagegen abzielt, wird deutlich, wenn er zu verstehen gibt, daß der Typ des schreibenden Juden in Berlin, in Wien, unter den rheinischen Emigranten in Paris und zumal auch in Prag „keine Literatur von volkhafter, sondern von weltbürgerlicher Haltung" hervorgebracht habe; daß dieser Typ mehr zum allgemein und abstrakt Deutschen als zum stammlich gebundenen Volkstümlichen hinneige und daß das Pragerische und das Wienerische in den Werken von Brod und Schnitzler, Werfel und Stefan Zweig deshalb so auffallend in Erscheinung treten könne, weil der Geist dieser Städte nicht eindeutig national bestimmt und bald ins Mehrvölkische, bald ins Übervölkische ausgeweitet sei. Aber was will eine solche Bemerkung im Ernst sagen? Der deutsche Jude ist nun einmal zu allererst Städter und Großstädter und man kann nicht verlangen, daß ein Mensch, der in den Gassen um die Prager Altneuschul, in der Wiener Leopoldsladt, im Berliner Westen oder in der Bockenheimer Landstraße in Frankfurt am Main geboren ist, ein Heimatgefühl dörflicher Art besitzen soll! Seine Haltung und sein Zugehörigkeitsgefühl müssen städtisch sein, so gut wie Haltung und Zugehörigkeitsgefühl eines arischen Christen, der in den gleichen Städten zu Hause ist. Oder sind die Städte mit ihrem weniger gebundenen, aber dafür um so reicher entfalteten Geist und Wesen deshalb weniger deutsch? Und woran erkennt man ein Schriftwerk und seine Zugehörigkeit zu einem Kulturkreis anders als an der Sprache? Nun ist es freilich mit der Sprache und ihrem Geist ein eigenes Ding. Auch hier muß man unterscheiden. Wenn wir nur bei dem besonders reich entfalteten Schrifttum der Wiener Juden einen Augenblick verweilen wollen, so kann man sagen, daß von dem skeptischen oder ironischen städtischen Literatentum Arthur Schnitzlers und Peter Altenbergs, das deutsch nur in dem Sinn ist, in dem ein solches Literatentum überhaupt Bindungen naturaler Art eingehen kann, bis zum köstlichen Eingeschmolzensein in deutsches Wesen, das aus den Spätwerken Hofmannsthals spricht, und von da wieder zu dem neu erwachten und in Worte und Verse geformten jüdischen Selbstbewußtsein, das aus den Zeilen und Sätzen von 413

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