Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 402 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch „Und wie ein hübsches Jüngelchengesicht", flüsterte die Großmutter dem Großvater zu: „Wer mir ein Stückel Gutes gönnt. . „Aber Dorchen!" drohte der Großvater scherzhaft laut und erhob den zitterigen linken Zeigefinger. „Aber Morchen!" schmeichelte ihm die Großmutter, „Duwirst doch nicht nach neunundfünfzig Jahren (zu Gesundem!) eifersüchtig werden?" Und mit wirklichem Mitleid fügte sie später hinzu: „Und mit Krücken muß er gehen!" III. Im Vorgarten der großen Synagoge, die in mehr oder weniger maurischem Stil gehalten, stahlblau gestrichen und mit einer mächtigen Kuppel gekrönt war, gab es zu Pfingsten ein Blumen wunder, wie es die kleine nüchterne Stadt an der Grenze noch nie erlebt hatte. Es war ein Garten, der zwar den besten Boden hatte, aber nie bearbeitet wurde, so daß außer den beiden Fliedersträuchern an beiden Ecken des Zaunes zur Kaiserstraße und der einen Rhabarber- Rabatte in der Mitte nur einige ärmliche Gänseblümchen das Gras schmückten. In diesem Jahr aber war der Garten von gelben, roten und violetten Bohnenblüten übersät, die Blüten überwältigten mit ihren satten Farben geradezu das Grün der Blätter und des Rasens, sie traten in solcher Fülle zutage, daß sie nichts anderem mehr Raum ließen, und die ersten Beter, die am hohen Feiertage, dem zweiten Schewuoth-Tage (am ersten und in der Nacht hatte es geregnet) in der schönen Gottesfrühe zur Synagoge kamen und das bunte Wunder erblickten, konnten, so prosaisch sie in ihren Kleinkrämergemütern sonst sein mochten, nur an ein übernatürliches Zeichen von glücklichster Bedeutung glauben. Nur der alte Michenschwitz dachte weniger an Gott als an irgendeinen Teufel, er hatte sogar einen bestimmten im Auge, aber er konnte nichts beweisen. Er war ohnehin nicht in festlicher Laune, weil er an hohen Feiertagen gewissermaßen arbeitslos war. Im kleinen Bethaus wurde nur wochentags gebetet, und in der großen Synagoge, die alle die fünfhundert Seelen der kleinen Stadt und auch noch ihre Gäste, Schnorrer und Mitesser faßte, verrichtete der sich feiner vorkommende, von der Kultusgemeinde monatlich bezahlte Gemeindediener Lemel alles Notwendige, während der alte Michenschwitz, der das kleine Bethaus sauber hielt, alle Zureichungen besorgte und nur zu den Feiertagen von einzelnen Betern Almosen dafür bekam, überzeugt sein durfte, daß er seine Arbeit um Gottes willen tat. Nun konnte er allerdings von den Almosen so wenig leben wie von dem Fellhandel, worin er außerdem dilettierte, und darum war es vielleicht erklärlich, daß der alte Michenschwitz des Diebstahls verdächtigt wurde, als seinem Nachbarn, dem geizigen Krämer Michel Milz, ein Sack Bohnen abhanden kam. 402