Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 401 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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An der Grenze „das Päckchen ist doch schon schwer genug für sein bißchen Buckel." „Du wirst mir doch nicht erzählen wollen, daß Du es anders gemacht hättest", beschwichtigte ihn die Großmutter. „Nein", flüsterte der Großvater der Großmutter ins Ohr, „das hat er von Dir und nicht von mir". „Aber Morchen!" wehrte die Großmutter laut ab. „Aber Dorchen!" wehrte der Großvater laut ab. Am anderen Morgen wußte die ganze Tertia, daß „der Neue" zu Kiwis ziehen sollte. Der Gemeinschaftsgeist erwachte in den Jungen, und da der Neue ja keinen Besitz hatte, machten sie eine Kollekte und legten zusammen, um ihm so etwas wie eine Aussteuer mitzugeben. Die beiden Barrabässe mußten das Komitee bilden, damit nachher jeder Boskins Dank abwehren könnte. Und sie sammelten also hastig und eilig ein, Geld und Kleidungsstücke, ein paar Bücher, eine Botanisiertrommel, ein Schachbrett mit Figuren. Weder der kleine Kiwi noch der Neue selbst noch etwa der Lehrer durfte es sehen, bis sie nach Schulschluß den Neuen im Triumphzug in sein neues Heim brachten. Der eine Barrabas trug den geschenkten Kleinkram, der andere Bücher und Hefte, und in ihrer Mitte ging Boskin wie ein trauriger Held an seinen Krücken. Nur der Sohn des Rektors hatte sich von diesem Ehrengeleit gedrückt. „Jud, Jud, nepp, hepp!" schrie er ihnen nach, aber als einer sich nach ihm umdrehte, war er bereits um die Ecke verschwunden. Dann stand die ganze Tertia auf dem Hof vor der Küchentür der Kiwis. Zwischen der Pumpe und der Küchentür drängten sie sich, jeder wollte etwas sehen, jeder versuchte einen Scherz zu machen; denn Frau Kiwi war herausgekommen, hatte sich die Hände an der blauen Leinenschürze abgetrocknet und empfing sie mit dem strahlendsten Lächeln und der unbeholfensten Stegreifrede ihres schwierigen und molligen Lebens: „Auf einen kommt es ja nicht mehr an", begann sie ratlos, „zwölf hab ich erst, ich hab erst zwölf — und nun sind es dreizehn geworden und", schloß sie befreit, „— und zum erstenmal hat es nicht wehgetan!" Da sie das hörten, wurden die vielen Jungen ganz still. Zwischen ihnen und der dicklichen, kleinen Mutter Kiwi stand noch der Neue, Michael Boskin. Er stand nicht, nein, er hing fastzwischen seinen Krücken, und seine Augen waren voller Tränen. Das war die erste Gefühlsregung, die sie an ihm wahrnehmen konnten, und ihre großen Jungensfüße scharrten ganz verlegen auf den Pflastersteinen des Hofanfangs und auf dem Bretterboden der Küchenschwelle hin und her, und ehe man sichs versah, gingen diese Mitschüler einer nach dem anderen ohne weiteres Aufheben davon. „Es scheint ein ganz anständiges Jüngelchen zu sein", flüsterte der Großvater der Großmutter ins Ohr. 401