Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 400 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Leo Hirsch der Kantor und Schächter, wartete noch ein Weilchen, bis auch sein Vater zu ihnen trat, mit seiner zitternden Greisenhand das Wasserglas ergriff und sich wusch, das Glas wieder dem Kantor zurückgab, der, nachdem auch er seine Hände Übergossen und den Segen gemurmelt, es Hosea weitergab, der, nachdem auch er seine Hände Übergossen, es Joel übergab, und so wuschen sie sich und setzten sich nacheinander an den großen langen Tisch, der blitzsauber und gar nicht verschwenderisch gedeckt war und an dessen Spitze die Großeltern thronten, und nachdem auch der allerkleinste mit Hilfe des Ältesten auf sein Stühlchen geklettert war, brach der Vater zugleich mit dem Großvater je ein Stück Brot, sprach den Segensspruch, und alle zwölf Jungen sprachen ihn laut mit, und jeder von ihnen hatte vom Vater ein Stückchen in Salz getunktes Brot bekommen, eines immer kleiner als das andere. Und nun trug die Mutter, die kleine dickliche, mollige Frau Kiwi, den großen Kübel mit der Suppe auf, setzte sich neben den Vater, bekam auch ein Stückchen Brot und teilte die Suppe aus. Als der Vater den Ältesten fragte, was „im Gymnasium los war", und die Mutter dem Jüngsten zeigte, wie er auf den Löffel pusten sollte, um die Suppe abzukühlen, erzählte Hosea von dem neuen Mitschüler, von dem man nichts wisse, als daß er „von drüben" her sei, jenseits der Grenze, aus Rußland, der, selbst wenn er gefragt werde, selten spreche und doch seine Arbeiten durchaus nicht mangelhaft mache, der unter so außerordentlichen Umständen allein und bewußtlos aufgefunden, über die Grenze gebracht, in einem deutschen Krankenhaus auskuriert worden sei, aber immer noch auf Krücken gehe, der ein Stipendium bekomme, aber doch selbst in der übermäßig bescheidenen Pension, in der er untergebracht sei, kaum leben könne. . . . „Bring ihn doch mit, den armen Kerl", unterbrach ihn der Vater, „bring ihn nur mit. Er wird schon satt werden. Schulgeld hat er umsonst? Ein Stipendium, sagst du? Ich hab auch ein Stipendium gehabt auf der Kantorenschule, da kann man nicht satt werden. Was meinst Du, Rachele?" „Aber Markus", antwortete die kleine, rundliche Mutter Kiwi, „meinetwegen könnt' er schon längst hier sein. Habakuk läßt schon wieder den Spinat stehen. Spinat ist gesund, Du sollst Deiner Lebtag (bis zu hundertundzwanzig Jahr' zu Gesundem) nichts Schlechteres bekommen! Es schmeckt Dir nicht, Habakuk? Mir auch nicht, und meine selige Mutter hätte man mit Spinat jagen können, aber deswegen ess' ich ihn doch, guck mal, Habakuk, jetzt essen wir um die Wette!" Die Großeltern kamen nicht so schnell darüber hinweg, daß noch ein weiterer Esser dazukommen sollte. „Was Markus sich da wieder aufbürdet!" flüsterte der Großvater der Großmutter ins Ohr, 400