Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 399 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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An der Grenze Wut und lief, sich den schmerzenden Schädel haltend, aus dem Klassenzimmer, während die ganze Tertia ihm höhnisch nachjohlte. Aber sie wurden bald still und ängstlich. Was würde dieser geschlagene Bösewicht für eine Rache gegen sie aushecken? Er würde eine solche Niederlage nie vergessen. Hatte der kleine Kiwi nicht bedacht, daß es der Sohn des Rektors war, mit dem er sich eingelassen hatte? Es war sehr tapfer von ihm, für den lahmen Boskin einzutreten, aber — „Unser herzliches Beileid!" sagten die beiden Barrabässe wie aus einem Munde. Der Pedell trat ins Zimmer: „Hosea Kiwi, sofort zum Direktor!" Der kleine Kiwi wurde blaß. „Ich hab's geahnt", sagten beide Barrabässe. Die ganze Klasse war für Hosea Kiwi und gegen den Rektors jungen, aber was half ihm das? Er kam ins Direktionszimmer. Der verheulte Rektorssohn stand neben dem Schreibtisch. Der kleine Kiwi versuchte, sein blutverschmiertes Gesicht unbewegt zu halten, aber er war auf das Schlimmste gefaßt. „Hosea Kiwi", sagte der Rektor, „ich höre, daß mein Sohn sich vorhin schlecht benommen hat. Ich möchte ihm die Schande ersparen, Michael Boskin und Ihnen vor der ganzen Klasse abzubitten. Er soll es vor Ihnen beiden einzeln tun. Los, Erich!" Da jaulte der Rektorssohn wie ein kleiner, bockiger Junge: „Ich will es bestimmt nicht wieder tun!" und gab dem kleinen Kiwi die Hand. „So, mein Junge", lächelte der Rektor, „wenn Sie jetzt in die Klasse kommen, bitten Sie doch Boskin noch zu mir. Dann dürfen Sie heimgehen, Sie sind für die letzte Stunde dispensiert. Auf Wiedersehen!" Es war ein besonderes Zeichen des Wohlwollens, daß der Rektor dem Schüler die Hand gab. Der kleine Kiwi sagte in der Klasse Bescheid und wandte sich zum Gehen. Als die anderen' ihn bedrängten, was denn eigentlich vorgefallen sei, sagte er nur: „Nichts Schlechtes!", lachte und verweigerte jede weitere Auskunft. Unter der Pumpe auf dem Hof wusch Hosea sich das Gesicht; die Nase blutete nicht mehr, er sah wieder ganz leidlich aus. An der Küchentür stand der Vater, als ob er ihn erwartet hätte. Als er kam, sang der Vater einen kleinen Triller und stellte sich, das Glas zum rituellen Hände-Übergießen schon in der Linken, vor das Wasserbecken, um laut und klingend zu rufen: „Hosea, Joel, Arnos, Obadja, Jona, Micha, Nachum, Habakuk, Zephania, Haggai, Sacharia und Maleachichen, mein Goldkind, wo bleibst du denn?" Und schon stellten sie sich hinter ihm auf, zwölf schwarze Lockenköpfchen, einer immer kleiner als der andere, alle in einer Reihe, Hosea, der Tertianer, gleich hinter dem Vater. Der aber, 399