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Der Morgen · 1934-12-01 · Heft 9 (Dezember 1934) · p. 398

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 9 (Dezember 1934)
Article
An der Grenze
Date
1934-12-01
Page
398 (sequence 2)
Language
German
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Leo Hirsch „Setzen!" sagte der Professor barsch. Nun saßen alle. „Barrabas —begann der Professor von neuem, und wie die Stehaufmännchen hatten die Zwiliingsbrüder sich wieder erhoben, „welcher von Ihnen ist Barrabas senior?" Und bühnenmäßig, wie es im Schulleben meist zugeht, ertönte in diesem Moment das schrille Glockenzeichen zur großen Pause, alle erhoben sich von den Plätzen, und kopfschüttelnd verließ der Professor das Klassenzimmer, in dem es sofort übermäßig laut wurde; Stullen wurden ausgepackt, und alles tobte durcheinander. Um den „Neuen" hatte sich ein schüchterner Kreis gebildet. Da der Neue sich so passiv verhielt, wagte keiner ihn etwas zu fragen. Endlich kam der Sohn des Rektors dazu und bat den Neuen, ihm doch die Krücken zu borgen. Bloß einmal. Bloß für eine Minute. Er wollte bloß einmal versuchen, wie es sich auf Krücken ging. Der Neue verzog keine Miene und sagte kein Wort. Da nahm der Sohn des Rektors einfach die Krücken und versuchte, sich damit fortzubewegen, ohne mit den Füßen den Boden zu berühren. Der kleine Kiwi, der es verhindern wollte, schrie: „Laß das sein!" Bald entstand eine Keilerei um die Krücken, und eine Krücke zerbrach. Der Neue verzog keine Miene. Der Sohn des Rektors ging in das Amtszimmer seines Vaters, der im Konferenzzimmer bei den Lehrern war, und stahl etwas Geld aus dem Schreibtischfach. Als der Schultag zu Ende war, konnte der Neue die inzwischen reparierte Krücke wieder benutzen. Ein andermal, und natürlich wieder in einer großen Pause, als es regnete und sie im Klassenzimmer bleiben durften, zankte sich die Tertia über Boskin, den Neuen, der wie immer schweigend dabeisaß und in sein Heft sah, das schon eine gar nicht schlechte Note aufzuweisen hatte. „Der Russ'!" fluchte der Sohn des Rektors und spuckte auf den Boden. „Sein Name ist französisch!", schmetterte der eine Barrabas dazwischen, worauf beide Barabässe mit dem gleichen blöden Gesichtsausdruck in die Luft guckten und niemand sie mehr unterscheiden konnte. „Sag ich doch", stichelte der Rektorsjunge weiter, „der ganze Feindbund!" Der kleine Kiwi, der auf einer Bank stand, weil er der jüngste und kleinste von allen war, zitterte vor Zorn. Er stürzte sich mit aller Wucht, deren sein kleiner, leichter Körper fähig war, auf den Sohn des Rektors herunter, so daß beide mit den Köpfen hart an die Tür schlugen. Aufbrüllend gab der Rektorsjunge nach. Der kleine Kiwi blutete aus der Nase, gab aber keinen Laut. Er hatte gesiegt. Er sprang auf und kümmerte sich nicht mehr um sein Opfer. Der Sohn des Rektors heulte vor ohnmächtiger 398

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