Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 397 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch: All der GrettZe (Fortsetzung) Der Rektor trat ins Klassenzimmer und hielt die Tür noch für einen nach ihm kommenden Menschen auf. Es war ganz still, müder Sohn des Rektors, der sich neugierig über seine Bank vorgebeugt hatte, begrüßte seinen Vater wider alle Disziplin mit einem halblauten „Mahlzeit, Papa!", worauf ihn der Vater stirnrunzelnd mit einem Blick zurechtwies und einen jungen Menschen ins Zimmer hineinkomplimentierte. Ein stummes Rätselraten begann, ob dieser Neue ein Lehrer oder ein Schüler wäre. Er kam an Krücken. Der Rektor mußte ihn zu jedem Schritt besonders ermuntern. Während der Sohn des Rektors liebedienerisch zusprang und die Tür hinter ihm schloß, begann die Vorstellung. Der Neue hieß Michael Boskin. „Miteinem N am Ende?" fragte der Professor. Der Neue schwieg. Der Rektor sagte ja. Der Neue sah niemand an. Seine Augen irrten unstet hin und her wie Mäuse in der Falle; er war vierzehn Jahre alt; man hätte ebenso gut raten können, er wäre dreißig. Der Rektor empfahl ihn als neuen Mitschüler. Auf der hintersten Bank fand sich noch ein Platz für ihn, an der Fensterecke. Der Rektor ging. Der Neue stellte seine Krücken ans Fenster und setzte sich. Der Professor fragte ihn irgend etwas, der Neue antwortete nur mit verängstigtem Schweigen. Da wandte sich der Professor wieder den anderen zu. „Barrabas junior!" rief er, „sagen Sie jetzt die zweite Strophe des Gedichtes auf — in der Aussprache, die ich gestern angegeben habe!" Und wieder erhob sich Barrabas junior, der vorher als Barrabas senior die erste Strophe aufgesagt hatte, und wollte die zweite Strophe deklamieren, als der Professor ihn scharf ansah und dann, ein wenig unsicher, fragte: „Sie sind doch Barrabas junior? Oder war vorhin Barrabas junior dran?" „Vorhin war ich dran!" sprang nun Barrabas senior auf. „Welcher von beiden war dran?" fragte der Professor den Sohn des Rektors. Merkwürdigerweise versagte diesmal der Sohn des Rektors, der sonst als der geborene Denunziant verschrien war, und blieb sprachlos mit offenem Munde stehen. 397