Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- Die religiöse Welt des Mittelalters
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 395 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die religiöse Welt des Mittelalters von unten nach oben wirken zu wollen, wäre hier Vermessenheit Die Richtung des Wirkens und Begreifens geht philosophisch von oben nach unten (wie die Emanationslehre dartut), nicht von unten nach oben. Insofern ist hier, wo die theoretische Erkenntnishaltung im Gegensatz zur magischen Beherrschungstendenz die Geister erfüllt, der Einklang mit der biblischen Religiosität gewahrt. Dennoch hat auch hier das Mittelalter seine typische Ausprägung erfahren. Der jüdische Mensch stand unter der Last der griechischen Philosophie-Tradition, die im Grunde genommen unvereinbar war mit der Weltanschauung des ihm vererbten Judentums- Je weiter der Prozeß der angeblichen Harmonisierung fortschritt, desto deutlicher enthüllte sich seine innere Fragwürdigkeit. Glaubte noch Maimonides unter Wahrung der jüdischen Grundpositionen die Verschmelzung des Aristoteles mit der Bibel legitim vornehmen zu können, so offenbart sein Nachfolger Gersonides, ein konsequenterer Aristoteliker, den faktischen Bruch. Der leidenschaftliche Kampf, der nach Maimonides' Tode um dessen Erbe entbrannte, darf nicht als ein Kampf „orthodoxer Dunkelmänner" gegen die Vertreter eines „geistigen Judentums" aufgefaßt werden. Gewiß steht die philosophische Partei, z. B. der greise Exeget David Kimchi, an menschlicher Abgeklärtheit hoch über den Gegnern. Aber die Argumente etwa des Juda Alfakar betonen mit Recht die Unerträglichkeit einer Haltung, die das Judentum in seinem Eigencharakter negiert, weil sie es um jeden Preis aus griechischem Denken her zu interpretieren unternimmt. Hier wird in der Tat das Wesen der Scholastik als ein die historischen Tatbestände außer acht lassendes bloßgelegt. Hier geschieht der Protest des legitimen Judentums gegen seine allegorische Verzeichnung. Hier wehrt sich das mittelalterliche Judentum gegen das ihm aufgezwungene Mittelalter, Aber die Folge dieses energischen Protestes, der mit dem Sieg der Gegner des Maimonides endet, ist nicht die Überwindung des Mittelalters durch Rückgang auf das biblisch-talmudische Judentum. Es zeigt sich, daß der antiphilosophische Kampf weniger der Ausdruck einer Renaissancebewegung war als Reaktion. Denn nunmehr tritt die durchaus mittelalterliche Mystik das Erbe der Philosophie an und beginnt die Halacha zu durchdringen. Am wenigsten unter allen drei Strömen, die wir nannten, trägt die Halacha das Merkmal des „Mittelalterlichen". Gewiß steht sie nicht in allen Ländern gleichmäßig da. Im spanischen Kulturkreis muß sie sich — freilich auch unter Protest — das Schnürgewand der Systematik gefallen lassen. Auch sie wird aus der fließenden Aktualität in abschließende Kodizes gebannt. Dieser im jüdischen Sinne illegitime Vorgang hat bis heute ungeheure Folgen gezeitigt. Es ist ihm aber nicht gelungen, den freien Strom des halachischen Schaffens zu unterbinden. Das Charakteristikum 395