Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- Die religiöse Welt des Mittelalters
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 396 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Alexander Altmann: Die religiöse Welt des Mittelalters des Talmuds, „offenes System" zu sein, immer neuer Bereicherung fähig, an jedem Tage neu „gegeben" zu sein, ist Wesenszug der Halacha geblieben. Das ist vor allem das Verdienst der nordfranzösischen Talmudforscher, Raschis und seiner Enkel, die im Gegensatz zur spanischen Systematik die Einsicht in das immer neue Werden des Halachischen dauernd offen hält. Ihre Dialektik mag, weil sie wesentlich auf die Lösung von Widersprüchen gerichtet ist, scholastisch heißen. Dann aber ist auch der Talmud scholastisch. „Mittelalterlich" im Sinne des starren Systematisierens ist dieses halachische Schaffen jedenfalls nicht; es steht allein in der organischen Tradition des Biblisch-Talmudischen. Mit Recht hat die Halacha daher das gesamte Kulturleben des Judentums im Mittelalter unterbaut und beherrscht. Ihre Struktur ist am wenigsten zeitgebunden und daher zeitüberlegen. Aber wesentlich ist, daß der mittelalterliche jüdische Mensch das Bedürfnis verspürte, seine halachische Lebensform, sei es mystisch, sei es philosophisch zu überbauen. Er ist, losgelöst von den hegenden Kräften mütterlichen Bodens, der Notwendigkeit nicht entgangen, eine geistige Existenz aufzubauen. Die halachische Lebensform verlangte den Einbau in eine entweder magische Weltansicht oder philosophische Welterkenntnis. Nur die Methoden solch spekulativer Leistung werden der mittelalterlichen Umwelt entlehnt. Heute kann es sich nach Einsicht in diese Zusammenhänge nur darum handeln, das Mittelalter mit seinem Konstruktionsschema zu überwinden und wiederum in die organische jüdische Haltung der Frömmigkeit zurückzukehren. Dieser Prozeß beginnt damit, daß wir zunächst einmal durch erkenntnismäßige Analyse unseres Gewordenseins und durch historisches Wiederaufspüren der biblisch-talmudischen Haltung diese ursprüngliche Art unseres Seins ins Blickfeld bekommen. Ansätze zu einer solchen Bemühung zeigt bereits der letzte große Theologe des jüdischen Mittelalters (das Zunz mit dem Beginn des 18. Jhd. enden läßt), R. Elijahu, der „Gaon von Wilna", der in seinem Kampf gegen die Übersteigerung der Dialektik („Pilpul") die Überwindung des mittelalterlichen Ausgleichsprinzips zugunsten des organischen „Verstehens" einleitet. Nach dieser theoretischen Leistung muß aber als zweite Stufe eine existentielle Umwandlung und Einstimmung unseres Selbst in echtes jüdisches Dasein hinein erfolgen. Die Überwindung des Mittelalters liegt nicht in der blinden Verwerfung der Tradition schlechthin, sondern in der Rückkehr zu einem unkonstruierten, wieder verflüssigten Judentum auf der Grundlage der überzeitlichen Halacha. Daß sich in dieser Sphäre eine neue jüdische Mystik oder eine neue jüdische Philosophie anbahnen wird, darf erwartet werden. Die ursprünglichen und legitimen Kräfte der jüdischen Mystik und Philosophie, die in der Tradition schlummern, werden hierbei von selbst zu ihrem Rechte kommen. 396