Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1934-12-01 · Heft 9 (Dezember 1934) · p. 394

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 9 (Dezember 1934)
Article
Die religiöse Welt des Mittelalters
Date
1934-12-01
Page
394 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895526-2895535-2904469--07565-2904516
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Alexander Allmann Gebete. Aber sie fordern nicht bloß die Andacht des Herzens, sondern zugleich das Gerichtetsein auf geheimnisvolle Bedeutungen, die sich unter der Hülle der Worte verbergen und durch die mystische Forschung gewissermaßen „entdeckt" worden sind. Nur wer diese, besonders mit der Zählung der Gottesnamen operierende Welt des Geheimnisses im Sinne hat, hat die echte Kawwanah und darf erwarten, durch seine Meditation das Göttliche zu berühren und im Sinne des Gebietes aufzurühren. Wenn wir also die Leistung der jüdischen Mystik für die Gestaltung jüdischer Religiosität aus den gewonnenen Einsichten heraus formulieren dürfen, so ergibt sich, daß im Mittelalter in der Tat die biblisch-talmudische Frömmigkeit neue Gestalt gewann. Das gnostische Denken schlägt sich im liturgischen Denken nieder. An die Stelle der schlichten Innerlichkeit tritt die geheimnisbeschwerte Intention. Es ist kein Zweifel, daß die unmystische, nurhalachische Welt an dieser Komplizierung ursprünglich nicht sonderlich Gefallen gefunden hat. Es ist das eigentümlich „Mittelalterliche", daß die fließende Aktualität der biblisch-talmudischen Chassiduth (Frömmigkeit) sich hier mystisch potenziert, ihre Kräfte steigert und zu einem festen System ausbaut. Mittelalterlich deshalb, weil hier eine Weltauffassung zugrunde liegt, die die gegebene Mannigfaltigkeit der Dinge in einen Stufenbau von Wesenheiten einordnet, also auch im Geistigen das Prinzip der Hierarchie verwirklicht, das ihr soziologisch zugrunde liegt. Der ständischen Gliederung der Gesellschaft entspricht das Stufenreich der Wesen, das aber — und hier liegt das Signum gerade des Mystischen — nicht in einem von unten bis oben durchreichenden totalen Ganzen zusammengefaßt ist, sondern sich in die beiden parallelen Sphären des Menschlichen und des Kosmischen spaltet Das Symbol- und Identitätsverhältnis, das zwischen beiden besteht, ermöglicht und fordert die Begegnung beider Welten und schafft Raum für die magische Spekulation. Auch im philosophischen Denken herrscht das mittelalterliche Prinzip der Hierarchie. Aber hier wird im Sinne des philosophischen Strebens nach Ganzheit der Dualismus der Gnostik neuplatonisch überwunden durch die Aufstellung eines durchgehenden Zusammenhanges der ganzen Wirklichkeit. Hier gibt es kein mystisches Oben, sondern nur ein natürliches Höher. Die irdische Welt steht nicht in einem Spiegelungsverhältnis zu einer Überwelt, auf die sie magisch wirken könnte, sondern verlängert sich organisch nach oben, oder besser, das Niedrige wird abgeleitet aus dem Höheren. Der Mensch wird zwar auch als Mikrokosmos begriffen (Maimonides u. a.), aber nicht verabsolutiert, vielmehr als Bürger der „Welt unter dem Mond" ganz und gar den Naturgesetzen, der dämonischen Macht der Natur (Gersonides) und schließlich der göttlichen Vorsehung unterstellt Jeder Anspruch, 394

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.