Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- Die religiöse Welt des Mittelalters
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 393 (sequence 4)
- Language
- German
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Die religiöse Welt des Mittelalters kommene Religion und wurde daher vom tanaitisch-talmudischen Judentum ebenso wie von den Kirchenvätern als Ketzerei verfolgt. Daß sie es vermocht hat, dennoch in das Judentum einzudringen, hat tiefe geistesgeschichtliche Zusammenhänge mit der Apokalyptik zur Voraussetzung, die durch ihre Aufspaltung der einen prophetischen GeschichtsWirklichkeit in zwei kosmische Zeitalter (den „Äon" der Sündhaftigkeit und den der neuen Schöpfung) dem gnostischen Dualismus Vorschub geleistet hat. Zudem hat sich die jüdische Gnostik, wie sie sichvoralleminderHechaloth-undder Merkaba-Mystik repräsentiert, stets am jüdisch-theologischen Weltbild zu korrigieren bemüht. Auf die Geschichte dieser großen Bewegungkann hier natürlich nicht eingegangen werden. Uns kommt es auf die Erfassung der in ihr wirksamen Tendenz an. Diese Tendenz ist, wie gesagt, eine in erster Linie magische. Ihr Weltbild ist das einer Parallelität von Mensch und Kosmos. Der Mensch sowohl wie der Gesamtkosmos werden als ein Stufenreich immer höherer Mächte angesehen. Aber das Merkwürdigste ist eben das Spiegelungsverhältnis dieser beiden Organismen. Die irdische Wirklichkeit gilt als Gleichnis und Symbol der kosmischen Wirklichkeit. Jedes Geschehen hinieden hat seinen Widerschein im Droben. Von hier aus wird der Sinn der magischen Intention verständlich. Das Golem-Motiv ist dafür kennzeichend. Sehr aufschlußreich ist die Legende, die R. Jehudah Chassid dem Erzbischof von Regensburg (?) auf seine Frage nach der Bedeutung des „Haman-Klopfens" am Purim antworten läßt: so oft beim Worte „Haman" in der Synagoge geklopft wird, so oft wird gleichzeitig Haman in der Hölle geklopft. Dieses, wenn auch nicht sehr würdige, Beispiel illustriert das, worum es geht: die magische Wirkung. Religionsgeschichtlich gesehen, bedeutet das Erstarken dieser Tendenz den Einbruch einer grundsätzlich neuen Haltung ins Judentum. Man glaube nicht, daß dieser Prozeß flüchtig und wirkungslos geblieben sei. Ein großes Gebiet des jüdischen Lebens ist besonders stark von dieser neuen Schicht überlagert worden: die Liturgie. Äußerst kennzeichnend ist hierfür etwa der Bedeutungswandel, den der Begriff der „Kawwanah" (der Andacht) durch die jüdische Mystik erfahren hat. Ursprünglich bezeichnet er nichts anderes als die naturliche Haltung des echten Beters, die gesammelte Innerlichkeit, das Gerichtetsein der betenden Seele auf Gott. Die Andacht, die z. B. in der seelischen Inbrunst der Psalmen zum Ausdruck kommt, ist im Nachvollzug des psalmrezitierenden Beters ohne weiteres zu erreichen. Das biblische Judentum fordert vom Beter nicht mehr, aber auch nicht weniger als diese schlichte Kawwanah. Sie ist hier keine Angelegenheit des mystischen Geheimnisses, sondern Sache des Herzens. Auch der Talmud verbleibt hier in durchaus biblischem Rahmen. Die mittelalterliche Mystik aber trägt ein neues Moment in den Begriff der Kawwanah. Die Mystiker wahren die altehrwürdige Textform der 393