Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- Die religiöse Welt des Mittelalters
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 392 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Alexander Altmann tisch ist mit dem neuplatonisch gefärbten Aristoteliker, hat die Eudämonie der philosophischen Erkenntnis den Vorrang. Für den Mystiker steht die im Akt des Gebetes geübte Versenkung grundsätzlich noch über dem „Lernen" und Philosophieren. Maimonides, selbst der größte Halachist der jüdischen Geistesgeschichte, erklärt in seinem philosophischen Werke die nichtphilosophierenden Talmudforscher als Gottsucher, denen es — bildlich gesprochen — nicht gelingen kann, in das innerste Gemach des göttlichen Palastes einzutreten. Auf der anderen Seite erklärt der Mystiker R. Jehudah Chassid auf die Nachricht, daß ein bekannter Rabbiner von einem harten persönlichen Schicksal betroffen worden sei: dies sei die Strafe dafür, weil er das Gebet zugunsten des bloßen „Lernens" vernachlässige. Der Rationalist und der Mystiker verbinden sich zur Entthronung des Nur-Halachisten, freilich ohne ihre Revolution zum Siege zu führen. Das Halachische behauptet sich in seiner Vorrangstellung im jüdischen Bewußtsein und erfährt schließlich selbst eine mystische Verklärung. Im chassidisch gefärbten Rabbinismus (R. Chajim aus Woloschin) vollendet sich dieser Prozeß. Ursprünglich jedoch steht das Halachische, wie es sich in reinster Form im nordfranzösischen Judentum (Raschi und den Tossafisten) ausprägt, als spezifische Haltung in gesunder Natürlichkeit neben den beiden anderen Richtungen. Was macht nun das Wesen dieser drei verschiedenen Haltungen aus? Beginnen wir mit der Mystik. Ihre Geschichte, die bis vor kurzem für den Außenstehenden ein Buch mit sieben Siegeln war, ist durch die Forschungen Gerhard Scholems wesentlich erhellt worden. Wir wissen heute einigermaßen sicher, daß sich die Entwicklung der jüdischen Mystik unabhängig von der jüdischen Philosophie vollzogen hat Nicht die Schöpfung der Kabbala, sondern ihr Hervortreten im Beginn des 13. Jahrhunderts erfolgt als Reaktion auf den Leerlauf der jüdischen Philosophie. Sie existiert aber, wenn auch nur im Schöße der Verborgenheit, unter den niedrigen Schichten des Volkes bereits vor ihrem Sichtbarwerden. Daß sie als eigentliche Kabbala jetzt im Laufe des 13. Jahrhunderts eine Verschmelzung mit dem philosophischen System des Neuplatonismus eingeht, berührt nicht die seit je in ihr waltende magische Grundtendenz. Die jüdische Mystik ist von vornherein nicht auf philosophische Spekulation gerichtet, sondern durch religiöse Motive bestimmt. Sie verleugnet darin nicht ihre Berührung mit der Gnosis, die ja auch ihrem Ziele nach ein praktisch-religiöses, nicht ein wissenschaftlich-theoretisches Anliegen verfolgt. Die Gnosis will ihrem Anhänger den Weg zur Gottheit bahnen. Sie lehrt ihn daher die Besiegung der zwischen Gott und Welt stehenden feindlichen Dämonen. Die gnostische Gemeinde stellt eine Hierarchie von Menschen dar, die sich nach dem Grad erreichter Gottesnähe abstufen. Die Gnostik ist also ihrem Sinn nach eine voll- 392