Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- Antike Bollwerke der Kultur
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 390 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Alexander Altmann: Die religiöse Welt des Mittelalters Es soll im folgenden versucht werden, eine Strukturanalyse des jüdischen Mittelalters zu geben. Die bewußte Distanzierung des modernen Menschen vom mittelalterlichen läßt ein solches Unternehmen als wünschenswert erscheinen. Nicht um den Versuch einer Darstellung der jüdisch-mittelalterlichen Kultur kann es sich hier handeln, sondern um die Herausarbeitung einer bestimmten Grundhaltung. „Mittelalter" bezeichnet bekanntlich nach dem Vorgang Spenglers keinen zeitlichen Begriff, sondern den Begriff einer bestimmten Kulturform. Jeder Organismus einer Kulturganzheit hat, wie alles Organische, seine Kindheit, seine Jugend, seine Reife, seinen Verfall. „Mittelalter" ist die in jedem Kulturprozeß feststellbare Phase zwischen Frühzeit und Hochreife. Für die abendländische Menschheit liegt dieses Stadium zeitlich in dem Geschichtsraum, der durch den Ausgang der Antike und das Jahr 1500 bestimmt ist. Man kann wohl keineswegs behaupten, daß der gleiche Zeitabschnitt ohne weiteres auch das „Mittelalter" des Judentums bedeute. Das Judentum ist nicht „gleichzeitig" mit der abendländischen Welt. In dem genannten Zeitraum steht ja der jüdische Mensch nicht erst vor der Hochreife seiner Kultur, sondern (Fortsetzung von Seite 389) dert habe, ein bloß zufälliges Zusammentreffen sei, wird der Sache sicherlich nicht gerecht. Nur von außen betrachtet mag allerdings wirklich nichts zu sehen sein als eben das Zusammentreffen, und ich wüßte nicht, daß irgendeine Erklärung in den gewöhnlichen Linien historischer Entwicklung, unter dem Einfluß führender Ideen, Denkrichtungen u. dgl., gegeben werden kann. Dem Blick des Glaubens aber, „glaubend, wo er nicht beweisen kann", eröffnet sich eine tiefere Bedeutung in der wunderbaren Zusammenstellung der Ereignisse, die wir studiert haben, und sie erscheinen ihm als bezeichnendes Beispiel der Wahrheit, von alters verkündet, daß „Der Allerhöchste regiert in den Reichen der Menschen!" Und so bleibt für uns in der Gegenwart, da die Kulturwelt voller Wirrnis und besorgter Vorahnung ist, da niemand weiß, was 390