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Der Morgen · 1934-12-01 · Heft 9 (Dezember 1934) · p. 389

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 9 (Dezember 1934)
Article
Antike Bollwerke der Kultur
Date
1934-12-01
Page
389 (sequence 6)
Language
German
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Antike Bollwerke der Kultur sammenhang gedacht wird, der aber weit davon entfernt ist, ihren wichtigsten Beitrag darzustellen, gibt es kaum ein Gebiet in den höheren Stufen der Kultur — Theologie, Philosophie, Rechtswissenschaft, Medizin —, in denen die erzielten Resultate nicht viel weniger erheblich gewesen wären, wenn die jüdische Mitwirkung gefehlt hätte. Im Augenblick muß ich das als bewiesen hinnehmen; aber niemand, der etwas davon versteht, wird in Zweifel ziehen, daß die Erhaltung des höheren Lebens des Judentums voll verdient, zusammen mit der Konsolidation der Katholischen Kirche und der Kodifikation des Römischen Rechtes in eine Linie eingereiht zu werden als ein historisches Ereignis von größter Wichtigkeit. Wir besitzen in diesen drei historischen Vorgängen den Ausdruck der edelsten Kräfte des menschlichen Geistes; und alle drei, eben weil sie die edelsten waren, standen in Gefahr, von der drohenden Vernichtung erdrückt zu werden. Und alle drei wurden durch Maßnahmen erhalten, die fast zur gleichen Zeit getroffen wurden, von Männern, die unabhängig voneinander wirkten und offensichtlich ohne irgendwelche Voraussicht waren von dem, was kommen würde, und wurden so in den Stand gesetzt, die in ihnen geborgenen Kräfte sicher durch die gefahrvollen Jahrhunderte zu tragen. Denken Sie, wie die europäische Kultur (wenn es eine gäbe) aussehen würde, wenn das Judentum vergangen, wenn die Katholische Kirche vernichtet worden, wenn kein Gedächtnis der Weisheit des Römischen Rechtes erhalten geblieben wäre! Doch wir stehen der Tatsache gegenüber, daß sie vorhanden sind und daß sie ihre Wirkung auf die Erhaltung der Kultur ausübten. Auf mich hat dies viele Jahre lang einen tiefen Eindruck gemacht als ein außerordentlich bemerkenswertes Zusammentreffen offenbar nicht verbundener Einflüsse, und dies ist es, warum ich mich dazu entschloß, den Fall Ihnen vorzutragen, um zu sehen, ob es auf Sie die gleiche Wirkung wie auf mich ausüben würde. Ich habe dies so klar und zwingend getan, als ich es vermochte, und ich kann es nun nur Ihrer Erwägung überlassen. Ich habe keine Erklärung der drei Ereignisse angeboten, keine Erklärung, meine ich, warum sie alle drei geschahen, und nahezu zur gleichen Zeit. Aschi, am Talmud arbeitend, Augustin, die Kirche festigend, Justinian, das Römische Recht kodifizierend taten, was ein jeder nach den Umständen seiner eigenen Zeit tun mußte, und keiner von ihnen nahm für sich in Anspruch, eine prophetische Schau der Zukunft zu haben. Und doch gelangten alle drei, auf verschiedenen Wegen, zu einem Ergebnis, das durchaus jenseits ihrer Vorstellungen lag, und erfüllten eine Aufgabe, ohne selbst etwas davon zu ahnen. Versuche, große Bewegungen der Geschichte zu erklären, führen meist nicht weit. Jedoch zu sagen, daß das, was ich geschil- 389

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