Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- Antike Bollwerke der Kultur
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 391 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Alexander Altmann: Die religiöse Welt des Mittelalters hat sie eigentlich wohl schon hinter sich, wenn man nicht geneigt ist, der jüdischen Kultur ein rhythmisches Sondergesetz, das auf Vergreisung Wiedergeburt folgen läßt, zuzubilligen. Jedenfalls aber gilt, daß das abendländische Mittelalter, innerhalb dessen das jüdische Volk in relativer Eigenständigkeit lebt, nicht auch jüdisches „Mittelalter" mitbedeutet. In der Tat treffen weder die soziologischen Symptome (Entwicklung vom Königtum zum Feudalismus, beginnende Arbeitsteilung und Ständebildung) noch die kulturellen Ausdrucksformen in Mythos und Kunst den Kulturbestand-des Judentums jener Zeit, das eben nur in einer sehr unvollkommenen Symbiose mit der Umwelt steht. In welcher Weise man dennoch berechtigt ist, das sogenannte jüdische Mittelalter in Analogie zum abendländischen zu setzen, soll durch einige hier gegebene kurze Hinweise gezeigt werden. Der in Frage stehende Zeitraum stellt ein Geflecht dreier großer Richtungen dar. Drei Ströme sind es, die das Erbe der Antike in diese Phase leiten: das Talmudisch-Halachische (Religionsgesetzliche), die Mystik und die Philosophie. Diese Mächte bilden aber nicht etwa einen einzigen geschlossenen dreidimensionalen Raum, sondern stehen vielfach, wie häufig auch die individuelle Personalunion ist, in scharfer Gegensätzlichkeit zueinander. Es handelt sich um den Antagonismus nicht etwa dreier Systeme — in dem Ausgleich von Systemen war das Mittelalter sehr gewandt —, sondern um den dreier wesenhafter Haltungen. Jede Haltung ist bestimmt durch das ihr innewohnende Wertschema, das in seiner Rangordnung vom Charakter des obersten Wertes abhängig ist. Für den Menschen der Halachah ist die Beschäftigung mit ihr, das „Lernen", oberster Wert, metaphysisch geadelt, höchste Form des Gottesdienstes. Für den Philosophen, der hier durchweg iden- (Sdiluß von Seite 390) die Zukunft im Schöße birgt oder welcher von den Werten, die man von alters her für gewiß gehalten hat, als nächster für brüchig erklärt werden mag, — es bleibt der feste Grund des Vertrauens, daß Gott, so wie er in jener alten Zeit wirkte, auch heute wirksam ist. Er ließ damals nicht zu, noch ließ er je zu, daß die Welt aus seinen Händen komme oder daß das höhere Leben seiner Kinder für immer sterbe. „Wolken und Finsternis umgeben ihn, Gerechtigkeit und Gericht sind die Grundfesten seines Thrones!" Wir blicken die langen Jahrhunderte zurück, achten der langsam sich hebenden Wogen der Geschichte, der Wechselfälle des menschlichen Gut und Böse, und durch alles und über allem bleibt Er, „hinter den wechselnden Zeiten und den Irrungen der Menschen". 391