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Der Morgen · 1934-12-01 · Heft 9 (Dezember 1934) · p. 388

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 9 (Dezember 1934)
Article
Antike Bollwerke der Kultur
Date
1934-12-01
Page
388 (sequence 5)
Language
German
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R. Travers Herford Zuerst und vor allem, weil am augenfälligsten, stand die Katholische Kirche. Sie ward die eine Institution, die fest stand, ja stärker wurde in dem Durcheinander der Verwirrung, die das westliche Europa füllte. Die Kirche trat die Erbschaft des gestürzten Westreiches an und setzte immer mehr ihren Anspruch in die Tat um, auf allen Gebieten des Lebens zu herrschen. Die Geschichte der Katholischen Kirche ist ein Bericht von gemischt Gutem und Bösem, und die Periode des „Finsteren Mittelalters" enthält beides in Fülle. Aber wenn die Kirche nicht da gestanden hätte, ihren Weg zu gehen, die „Finstere Zeit" wäre vollends finster gewesen und könnte wohl in völligem Ruin geendet haben. Ebenso war die Erhaltung des Römischen Rechtes eines der wichtigsten Mittel, die Kultur zu bewahren und sie dazu zu befähigen, daß sie die „Finstere Zeit" überstand. Denn hier lag die Erinnerung an das, was einst Rom gewesen war, und sie stand vor dem Geist derer, die die Ordnung wiederherzustellen trachteten. Rom war die große Macht gewesen, die alle Untertanen des Reiches in ihrer rechten Beziehung gelenkt und beherrscht hatte. Das Römische Reich stellte jenen Zustand der Gesellschaft dar, zu der man wie zum Goldenen Zeitalter zurückblickte und das die Schau der Zukunft beherrschte. Und mehr als irgend etwas anderes war es das große System des Rechtes, das jenem Gedanken an Rom Kraft und Majestät verlieh. Der Talmud schließlich war der Hauptfaktor in der Erhaltung des höheren Lebens des Judentums während des Mittelalters und bis in die moderne Zeit. Den Juden, die über die ganze bekannte Welt zerstreut waren, diente der Talmud als oberste Instanz und als Schatzkammer des Wissens auf nahezu jedem Gebiete, das mit dem jüdischen Leben, insbesondere dem religiösen und ethischen in Verbindung stand. Obwohl in den Midraschim eine weite Literatur vorhanden war, die das geistige Leben der Judenheit aufrechterhalten und ihm Ausdruck geben half, blieb doch der Talmud die Quintessenz von allem. Leitendes Prinzip und Triebkraft alles jüdisch-religiösen Denkens und Tuns gewann im Talmud seine bestimmteste Form, so daß dieser den obersten Platz für die Gestaltung des höheren Lebens des jüdischen Volkes einnahm und mehr als sonst etwas dazu beitrug, dieses höchste Leben durch die Zeiten seiner größten Gefährdung zu erhalten. Sie mögen denken, daß dies allein für das jüdische Volk von Wichtigkeit gewesen sei, und daß es keine Bedeutung oder keinen Wert für die christliche Kultur gehabt haben könne. Jedoch ist-der Beitrag jüdischen Geistes zu dieser Kultur sehr groß gewesen, direkt sowohl wie auch indirekt. Ich kann nicht ausführlich dabei verweilen, es könnte einen Vortrag für sich oder eine ganze Vortragsreihe in Anspruch nehmen. Ganz abgesehen von dem finanziellen Einflüsse der Juden, an den gewöhnlich in diesem Zu- 388

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