Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1934-12-01 · Heft 9 (Dezember 1934) · p. 387

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 9 (Dezember 1934)
Article
Antike Bollwerke der Kultur
Date
1934-12-01
Page
387 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2895450-2895526-2895535-2904468--07555-2904509
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Antike Bollwerke der Kultur gangenheit auf verschiedenen geistigen Gebieten zu sammeln und zu sichern. So haben wir hier drei Prozesse von Vollendung, Konsolidation, drei große Versuche, die alle drei ausgeführt wurden in der Periode zwischen dem Ende des vierten und der Mitte des sechsten Jahrhunderts. Wir können die volle Bedeutung dieses dreifachen Vorganges erst ganz verstehen, wenn wir uns vergegenwärtigen, was nach dieser Periode folgte. Das Westliche Reich fiel im Jahre 476, und das Eindringen barbarischer Stämme von Nord- und Osteuropa, das an sich schon vorher begonnen hatte, nahm einen solchen Umfang an, daß die alte Kultur versank und die Zeitepoche begann, die als das „Finstere Mittelalter" bekannt ist. Es ist sicherlich wahr, daß die „Finstere Zeit" nicht vollends dunkel gewesen ist; wir wissen heute viel mehr darüber als damals, da diese Bezeichnung aufkam. Aber es bleibt wahr, daß jahrhundertelang politisches und soziales Chaos herrschte, bevor sich die Linien der neuen Reiche, die auf den Trümmern des alten Römischen Reiches aufgebaut wurden, abhoben. Kein Zweifel, Völker lebten, irgendwie. Starke Männer herrschten, wie sie vermochten, und versuchten, in ihrem eigenen Gebiete Ordnung zu schaffen. Königreiche, große und kleine, stiegen empor und sanken zusammen, um neuen Platz zu machen. Die beherrschten Völker lebten dahin, so gut sie konnten, und vielleicht nicht so schlecht, wenn sie sich selbst überlassen blieben. Aber in den höheren Stufen menschlichen Lebens, in Religion, Ethik, Gelehrsamkeit war die „Finstere Zeit" wirklich finster genug. D.h. allgemein gesehen, denn gute Menschen und heilige gab es zweifellos auch da, und bis zu einem gewissen Grade gelehrte, selbst in den dunkelsten Zeiten; aber nur wenige und in weiten Abständen, kaum mehr als Lichter, die die umgebende Finsternis erst sichtbar machten. Selbst die Regierung Karls des Großen war nur ein vorübergehender Lichtstrahl, und als er vorüber war, sammelten sich die Wolken von neuem und der Sturm brach nochmals aus. Sie können diese eilige Skizze nach Belieben verbessern, ich möchte mich nicht in Einzelheiten ergehen. Ich will nur die Tatsache betonen, daß für mehrere Jahrhunderte nach dem Fall des Westlichen Reiches das „Finstere Mittelalter" trübe Wirklichkeit und nicht bloßer Name war. Und damit komme ich zur Sache: Daß in den drei großen Bewegungen, die ich skizziert habe, die Mittel vorgesehen waren, durch die die Schätze eines höheren Lebens der Menschheit bewahrt und in den Stand gesetzt waren, die größten Stürme des „Finsteren Mittelalters" zu überdauern. Drei große Denkgebäude waren aufgerichtet und so fest gebaut, daß sie die Stürme aushalten und den Wellen trotzen konnten, die gegen sie schlugen. 387

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.