Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- Antike Bollwerke der Kultur
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 385 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Antike Bollwerke der Kultur solcher Form, daß es vor Zerstörung bewahrt und vor Schaden behütet werden konnte. Im Laufe der Jahrhunderte seiner allmählichen Entstehung kam es, daß der Talmud zum Schatzhaus wurde, in dem das Beste aufbewahrt war, was die Lehrer des jüdischen Volkes gedacht und gesagt, gesonnen und erinnert, gefühlt, geglaubt und erstrebt hatten. Der Talmud spiegelt das Leben des jüdischen Volkes durch die Jahrhunderte hindurch wieder, und er tut dies mit bemerkenswerter Redlichkeit; aber darüber hinaus enthält er die Antworten, die Israels Weiseste und Heiligste auf die Probleme des Lebens, die tiefen Fragen der Religion, auf alles, was den Menschen in seiner Beziehung zu Gott betrifft, gefunden hatten. Von nun an sollte der Talmud denen, die unter seiner Autorität standen, zum obersten Gerichtshof, denen, die seine Führung suchten, zur Quelle der Belehrung werden; aber er sollte nicht zum Damm werden, der den Strom künftigen Denkens aufhielt. Er war vielmehr ein Mittel, zu erneuten Bemühungen anzufeuern, Gottes Willen in seiner Offenbarung zu lesen und in der Lebensführung zu verwirklichen. Fünf Jahrhunderte mindestens hatte der Talmud zu seiner Entstehung gebraucht, und wenn Aschi und Rabina einsammelten, roas diese Jahrhunderle gewonnen hatten, so bewahrten sie eine einzigartige Schöpfung der Vergangenheit vor der Zerstörung, und, mehr noch, einen unentbehrlichen, preislosen Schatz für die Zukunft. Die christliche Religion existierte hOO Jahre, als Augustinstarb, und war UO Jahre vor seiner Geburt als Staatsreligion anerkannt worden. Im Laufe dieser UOO Jahre war der Charakter der Religion grundlegenden Veränderungen unterlegen. Nicht die unwichtigste dieser Veränderungen war der Übergang vom Zustand einer illegalen, immer wechselnden Verfolgungen ausgesetzten Religion zu dem der offiziellen Staatsreligion. Der Mann, der das meiste dazu tat, die Theorie der Kirche klar und fest zu umgrenzen, war Augustin. Er sammelte alles, was von früheren Lehrern an religiöser wie an kirchlicher Theorie hervorgebracht worden war und goß es An ein zusammenhängendes und bedeutungsvolles System. Die Kirche, wie Augustin sie betrachtete, war eine göttlich eingesetzte Institution, eine große Gemeinschaft, die durch vorschriftsmäßig bestellte Beamte, d. h. durch stufenmäßig gegliederte Geistlichkeit wirkte, und deren Handlungen durch direkte Inspiration des Heiligen Geistes zustande kamen. Augustin erstellte die Kirche als eine starke Institution mit einem fest umschriebenen Zweck und mit entsprechenden Mitteln zu dessen Verwirklichung. Er versah sie mit umfangreicher Ausrüstung an Theologie und Philosophie, mit deren Hilfe die Kirche ihren Weg gehen und ihre Forderungen gegen alle Widersacher klar und überzeugend durchsetzen konnte. Was auch immer die Kirche in den Jahrhunderten, die folgten, getan hat, Gutes und Böses, es wäre nicht möglich gewesen, hätte nicht Augustin dieses große Werk der Konsolidation ausgeführt. Das Römische Recht verlegt seinen V rsprung weit zurück in die Geschichte, bis zu den römischen Königen, vielleicht noch weiter. Beginnend als Recht einer Stadt, wurde es ausgedehnt und erweitert, bis es für die 385