Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- Antike Bollwerke der Kultur
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 384 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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r. Travers Herford / Antike Bollwerke der Kultur Wir veröffentlichen nachstehend einen Auszug aus einem kürzlich im Druck erschienenen Vortrag von Travers Herford. Seine Bedeutung für uns liegt in der Parallele, die der bekannte englische Forscher zwischen dem Abschluß des Talmuds, der Kodifikation des römischen Rechtes und der Konsolidierung der katholischen Kirche zieht. Auf die vollständige Wiedergabe der historischen und ideengeschichtlichen Einzeldarstellungen der drei großen geistigen Ereignisse mußte aus Raumgründen leider verzichtet werden. Wir hören in diesen Tagen viel von der Gefahr, unsere gegenwärtige Kultur könne in jähem Sturze zusammensinken, und da niemand weiß, was die Zukunft im Schöße birgt, schätzen wir die Gegenwärtigkeit dieser Gefahr so ein wie wir mögen. Mir liegt nichts ferner als ein Versuch, die Zukunft vorauszuprophezeien, — prophezeien ist, wie George Elliot sagt, die grundloseste Form des Irrtums. Ich bitte Sie nur, mit mir drei große historische Prozesse zu überschauen, die schon einzeln studiert von großer Wichtigkeit sind, in ihrer Verknüpfung betrachtet aber nach meiner Überzeugung das merkwürdigste Zusammentreffen der Geschichte darstellen. Diese drei Prozesse sind: der Abschluß des Talmuds, die Konsolidierung der Katholischen Kirche und die Kodifikation des Römischen Rechtes. Alle drei sind Glieder einer bedeutsamen geschichtlichen Wahrheit, über die meines Wissens noch nie etwas gesagt worden ist. Um diese bedeutsame und doch wenig bekannte Wahrheit vorzutragen und deutlich aufzuzeigen, habe ich mich zu diesem Vortrage entschlossen; denn ohne dieses Ziel im Auge hätte ich kaum annehmen können, daß Sie für den Talmud oder für die Katholische Kirche oder vielleicht für das Römische Recht ein besonderes Interesse fühlen sollten. Ich möchte nur hinzufügen, daß es das Studium des Talmuds war, das mir zuerst diese Ideenverbindung eingab. Der Gedanke der Ordnung und Anordnung der jüdischen Überlieferung beherrschte einen Mann, der von Natur ungewöhnlich begabt und durch dieümstände besonders begünstigt gewesen zu sein scheint, diesen Plan zur Verwirklichung zu bringen. Das warRab Aschi, Oberhaupt der Hochschule zu Sura seit etwa 367 — in seinem 20. Lebensjahr — bis zu seinem Tode. Dreißig Jahre soll er damit verbracht haben, die 63 Traktate der Mischnah durchzugehen. Das Ergebnis war sozusagen ein erster Entwurf der Gemara in ihrer Gesamtheit. 30 weitere Jahre soll er dazu verwandt haben, das bereits erzielte Ergebnis zu revidieren. Als Aschi 427 starb, war die ungeheure Aufgabe, der er sein ganzes Leben gewidmet hatte, vollendet, der gesamte Stoff der Gemara in eine feste Form gebracht. Was Aschi als die Frucht harter 60jähriger Arbeit hinterließ, war in 384