Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- Vom Recht der Wenigen
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 382 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom Recht der Wenigen Der jüdische Begriff der Wenigen ist jedoch ein grundsätzlich anderer als der aus neuzeitlichen Ideen geborene politisch-säkulare Begriff der „Minderheit". Das jüdische Minderheitsprinzip ist vielmehr ein inneres, wenn man will ein soziales oder vielmehr ein metaphysisches. Das äußere Schicksal hat die Weltanschauung mitgeformt, und von der Weltanschauung her wurde das äußere Schicksal als sinnvoll empfunden. Was Geschick von außen her war, wurde zu einer starken schöpferischen Kraft, die die Richtung des jüdischen Glaubens und der jüdischen Ideen bestimmt hat. So ist von der Sklavenzeit Ägyptens her nach der Auffassung Moses, der Propheten, Esras, der Chassidäer, der Pharisäer und der Rabbinen des Talmud, die den Ideengehalt des Judentums geprägt haben, alles Recht stets ein Recht der Wenigen und Schwachen, alles Soziale immer das Gebot der Gerechtigkeit den Schwachen und Wenigen, darum dem Armen, der Witwe, der Waise und dem Fremdling gegenüber gewesen. Ja, das charakteristische Mitleiden des Juden mit jedem Leidenden, das Mitfühlen mit jedem Einsamen und Schwachen, das selbst in dem Juden lebt, der sich sonst schon weit vom Judentum entfernt hat, ist noch der Restbesitz einer großen verpflichtenden Erbschaft aus vergangenen Tagen, die, wenn sie verlorenzugehen droht, immer wieder durch das äußere Schicksal lebendig erhalten wird. Schicksal und religiöse Weltanschauung in gleicher Weise haben darum im Judentum nie den Glauben an die Zahl, an die Masse, oder — was das gleiche ist — an die Macht aufkommen lassen. Aus ihnen ist im Gegenteil das Vertrauen zur Macht der Ohnmacht geboren, der Glaube an die Mächtigkeit des Geistes und der Idee. Als Juda der Makkabäer seine Getreuen zum Kampf gegen die heidnischen Syrer aufrief, zu jenem Kampf, der kein politischer Machtkampf war, sondern ein heiliger Krieg um das Leben einer Kulturidee, sprach er zu denen, die sich vor der feindlichen Übermacht fürchteten: „Es ist wohl möglich, daß Viele in die Hände Weniger gegeben werden; für den Himmel macht es keinen Unterschied, durch Viele oder Wenige Hilfe zu schaffen. Denn der Sieg beruht nie auf der Größe des Heeres, sondern vom Himmel kommt die Kraft" (1. B. Makk. III, 18—19). Ja, das eigene 382