Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- Vom Recht der Wenigen
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 383 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom Recht der Wenigen Schicksal ist zu allen Zeiten eine Bestätigung der religiösen Gewißheit gewesen, daß Gott „nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch seinen Geist spricht" (Secharja IV, 6). Darum sind die Wenigen die Schwachen nur im irdischen Verstand. In Wahrheit sind die Wenigen die Starken, die Bleibenden, weil beim Vergehen aller äußeren Macht nur dem Geist Dauer gegeben ist. Hätten die Juden zu den Vielen unter den irdischen Mächten gehört, sie wären untergegangen wie alle anderen. Weil sie die Wenigen und Schwachen waren, haben sie sich erhalten. Auf der Seite der Wenigen zu stellen ist stets eine Sache größeren Mutes, als sich in den Reihen der Vielen, in der Sicherheit der Masse geborgen zu wissen. In diesem Mut, der oft ein Mut zum Leben gegen den Tag ist, liegt der eigentliche Heroismus des Judentums. Auch wir wissen zu erzählen von dem Durchbruch der menschlich verständlichen Sehnsucht, den Vielen und scheinbar Glücklicheren anzugehören. Von den Zeiten der „Hellenisten" mit ihrer Forderung: „Laßt uns doch mit den Völkern rings um uns eins werden, denn seit wir uns von ihnen abgesondert haben, hat uns viel Unglück betroffen!" (1. B. Makk. I, 11) bis zu den „Hellenisten" modernster Prägung waren solche Epochen stets Zeiten des Abfalls. Aber immer dann, wenn die zentrifugalen Kräfte stärker als die zentripetalen zu werden drohten, wurde das Gesetz der Auslese sichtbar, das die gesamte jüdische Geschichte von den Anfängen an durchwaltet. Waren erst die dürren Zweige vom Baum abgefallen, dann grünte der Stamm um so frischer. Stets in der Polarität von Abfall und Treue stehend, hat das Judentum immer gelebt aus dem „Rest, der zurückkehrt". Haben wir Heutigen ein Recht, das jeder materialistischen Deutung spottende ewige Schicksal des Judentums mit säkularen Kategorien umzudeuten, nur weil diese unserer Zeit und ihren Menschen leichter eingehen? Chanukka verbietet es, dieses Fest, das für immer zeugen wird von den Ältesten, die die Jüngsten, von den Schwächsten, die die Stärksten, von den Leidenden, die die Glücklichsten, von den Wenigen, die die Bleibenden sind. Manfred Swarsensky 383