Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Treitschke und das Judentum seiner Zeit
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 373 (sequence 3)
- Language
- German
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ihn, daß Levin Goldschmidt ihm die Freundschaft kündigte und daß sein engerer Berliner Kollege Harry Bresslau ihm mit einem Sendschreiben entgegentrat, das trotz seines maßvollen Tones natürlich auch eine persönliche Entfremdung zwischen den beiden politisch einander nahestehenden Männern hervorrufen mußte. Treitschke vermochte sich diesen Schritt eines „so ganz deutsch gesinnten Mannes wie Bresslau, der meine Bemerkungen über die Auswüchse unseres Judentums doch unmöglich auf sich beziehen kann", nur als Beweis übertriebener jüdischer Empfindlichkeit zu deuten und wollte zwischen Bresslaus Darlegungen und seinem eigenen Standpunkt keine ernste und tiefe Meinungsverschiedenheit anerkennen. Aber nicht nur der Historiker, auch der Philosoph meldete sich zum Wort. Moritz Lazarus hielt am 2. Dezember 1879 in der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums den programmatischen Vortrag „Was heißt national?" (1925 vom Philo-Verlag neu gedruckt), in dem er das Judentum und seine Aufgabe im Rahmen der deutschen Kultur mit starken Worten verteidigte; er veranlaßte damit freilich Treitschke nur zur Unterstreichung seines Leitsatzes, daß das Christentum mit allen Fasern des deutschen Wesens verwachsen sei. Lazarus fand in den eigenen Reihen Widerspruch; Hermann Cohen, seit kurzem Ordinarius der Philosophie in Marburg, suchte in einem sehr eindrucksvollen „Bekenntnis in der Judenfrage" einige Thesen seines älteren Fachgenossen zu berichtigen. Seine Flugschrift, die Treitschke selber als „die am tiefsten durchdachte und am wärmsten empfundene unter den Erwiderungen meiner Gegner" kennzeichnet, betont die dauernden Werte des jüdischen Monotheismus, findet aber auch kraftvolle Worte echter Vaterlandsliebe. Alle diese Abwehrerklärungen würde Treitschke wohl mit der Zeit verschmerzt haben. Auch den Kummer, daß sein alter Freund Franz Overbeck sich jetzt ganz von ihm abkehrte, hätte er verwunden, da ihre Beziehungen sich unter Nietzsches Einfluß schon gelockert hatten, und ebensowenig vermochte ihn die frostig ablehnende Haltung der meisten seiner Kollegen zu beirren. Nun aber warf ihm auch noch der hochverehrte Theodor Mommsen den Fehdehandschuh hin. Er sei, so erklärte er ihm im Januar 1880, ganz irre an ihm geworden; Treitschkes Vorstoß gegen das Judentum wäre als Kapitel der Deutschen Geschichte erlaubt gewesen, nicht aber als selbständiger Aufsatz. Als am 14. November 1880 führende Männer des politischen und geistigen Lebens, unter ihnen Forckenbeck, Gneist, Virchow, Werner Siemens, Hof mann, Droysenund Scherer eine Kundgebung gegen den Antisemitismus erlassen, unterzeichnet Mommsen nicht nur, sondern er versichert Treitschke öffentlich, daß sich der vielbeachtete Passus der Erklärung: „An dem Vermächtnis Lessings rütteln Männer, die auf der Kanzel und dem Katheder verkünden sollten, daß unsere Kultur die Isolierung desjenigen Stammes überwunden hat, welcher einst der Welt die Verehrung des einigen Gottes gab", ausdrücklich und in erster Linie 373