Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Treitschke und das Judentum seiner Zeit
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 372 (sequence 2)
- Language
- German
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verkündete; damit war das Signal zu dem leidenschaftlichen antisemitischen Feldzug des nächsten Jahrzehnts gegeben. Um jene Zeit weilt Treitschke in Italien. Als er Ende Oktober 1879 zurückkehrt, hört er überall in seinem Bekanntenkreise Diskussionen über die Judenfrage. Er fühlt sich verpflichtet, in den Streit der Meinungen einzugreifen, und veröffentlicht im Novemberheft der „Preußischen Jahrbücher" den ersten der Aufsätze, die später zu der Schrift „Ein Wort über unser Judentum" vereinigt wurden; noch meint er selbst, versöhnlich zu wirken und den wilden Strom der neuen Bewegung eindämmen zu können. So finden wir etwa die anerkennenden Worte: „Es wäre sündlich zu vergessen, daß sehr viele Juden, getaufte und ungetaufte, Felix Mendelssohn, Veit, Riesser u. a. — um der Lebenden zu geschweigen — deutsche Männer waren im besten Sinne, Männer, in denen wir die edlen und guten Züge deutschen Geistes verehren." Aber der Nachdruck liegt, mag Treitschke eine Zurücknahme oder auch nur Schmälerung der vollzogenen Emanzipation noch so scharf zurückweisen, auf dem kritirischen Teil seiner Darlegungen. Er wirft den deutschen Juden ihre mangelhafte Assimilation vor und stellt ihnen das westeuropäische Judentum, das ein unschädliches und vielfach wohltätiges Element der bürgerlichen Gesellschaft sei, als Muster hin. Sein Kerngedanke ist in dem Satz formuliert: „Was wir von unseren israelitischen Mitbürgern zu fordern haben, ist einfach: sie sollen Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen, — unbeschadet ihres Glaubens und ihrer alten heiligen Erinnerungen, die uns allen ehrwürdig sind." Er warnt die Juden vor Überhebung und Materialismus, bemängelt ihren oft ungünstigen Einfluß auf die Tagespresse und wendet sich gegen die „betriebsame Schar der semitischen Talente dritten Ranges". Doch mehr noch als diese Kritik haben zwei Wendungen aus seiner Betrachtung, eben weil sie von einem Treitschke stammten, geradezu wie Bomben gewirkt. Die eine These lautet: „Über unsere Ost grenze aber dringt Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege eine Schar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen." Und der zweite Satz hat folgenden Wortlaut: „Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuts mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück!" Trotz dieser Formulierungen, deren Schroffheit selbst Stöcker nicht zu überbieten vermochte, war Treitschke aufs höchste erstaunt und empört, daß sich nun eine Flut von temperamentvollen Gegenschriften über ihn ergoß. Zunächst einmal hagelte es Proteste aus dem jüdischen Lager. Einen offenen Brief von H. Graetz, der seine Beweisführung scharf angreift, beantwortet Treitschke mit einem neuen Vorstoß gegen jüdische „Doppel-Nationalität". Viel bitterer war es für 372