Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1934-11-01 · Heft 8 (November 1934) · p. 374

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 8 (November 1934)
Article
Treitschke und das Judentum seiner Zeit
Date
1934-11-01
Page
374 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895526-2895534-2904388--07529-2904452
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

gegen seine Person richte. Mehr noch, Mommsen, von Haus aus des Philosemitismus nicht verdächtig, entschließt sich dazu, in einer eigenen Schrift „Auch ein Wort über unser Judentum" Treitschkes gesamte Beweisführung scharf zu beleuchten. Noch einmal geht ein erbitterter Streit hin und her; am Ende sucht Treitschke den zerrissenen Faden wieder anzuknüpfen: „Ich bin von Jugend auf an politischen Kampf mit Menschen, die ich persönlich liebte, gewöhnt. So schmerzlich wie dieser ist mir noch keiner gewesen; ich freue mich auf die Zeit, da er vergessen sein wird." Eine trügerische Hoffnung! Die Freundschaft der beiden Männer ließ sich nicht erneuern. Die Vereinsamung, der Treitschke sich gegenübersieht, wird verschärft durch unendlichen häuslichen Kummer und körperliche Leiden. Immer tiefere Bitterkeit erfüllt ihn, indes er rastlos an der Vollendung seiner Deutschen Geschichte arbeitet; um so weniger vermag er jetzt seine Abneigung gegen das Judentum zu unterdrücken. Gewiß, noch preist er Felix Mendelssohn als „Deutschen vom Wirbel bis zur Zehe" und rühmt sein „edles und großes Wirken", noch nennt er Gabriel Riesser einen „edlen, vaterländisch gesinnten Mann", noch charakterisiert er Stahl als den „einzigen großen politischen Kopf unter allen Denkern jüdischen Blutes". Aber daneben stehen zahlreiche heftige Angriffe gegen andere führende Persönlichkeiten des Judentums und viele harte Verallgemeinerungen, die weit über die Aufsätze von 1879 hinausgehen. Auch in Briefen und kleineren Aufsätzen zeigt sich diese Verschärfung des Treitschkeschera Standpunktes. So ist es nicht ganz leicht, dem Manne gegenüber vorurteilslos zu bleiben, dessen literarische Größe wir doch bereitwillig anerkennen möchten. F. H. Felix Goldmann Wer an Felix Goldmann denkt, den heimgegangenen Rabbiner der Gemeinde Leipzig, der gerät in Gefahr, sich aufzulehnen gegen ein Schicksal, das diesen Menschen sein Leben nicht zu Ende leben ließ. In ihm ruhten noch Gedanken, die nicht geformt waren; in ihm brannte noch Kampfeslust, die nicht streitbar Freund und Gegner befruchtet hatte; mit ihm gingen tausend ungetane Taten, tausend ungesprochene Worte ins Grab. Um sie alle ist unsere bedrängte Zukunft ärmer geworden. Und doch will solche anklagende Klage schlecht zu unserer Trauer passen. Vor seiner gütigen Menschlichkeit, vor seiner überwindenden Weisheit möchte sie verstummen. Er selbst lehrt uns nicht rechten, sondern danken. Wir haben ihm viel zu danken. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten — „Tauf judentum und Antisemitismus", „Das Wesen des Antisemitismus", „Der Talmud", „Der Jude im deutschen Kulturkreis", „Deutsch-jüdische Existenz heute" — bemühte er sich unermüdlich und zuletzt, wie es schien, mit gesteigerter Kraft, den geistigen Ort des Judentums innerhalb der Umwelt zu bestimmen. Dem „Morgen" war er viel mehr als ein 374

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.