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Der Morgen · 1934-11-01 · Heft 8 (November 1934) · p. 371

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 8 (November 1934)
Article
Treitschke und das Judentum seiner Zeit
Date
1934-11-01
Page
371 (sequence 1)
Language
German
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Treitsdike und das Judentum seiner Zeit Am 15. September, seinem 100. Geburtstag, hat man in vielen Reden und Aufsätzen sich dankbar der großen Verdienste erinnert, die Heinrich v. Treitschke sich als glanzvoller Geschichtsdarsteller und als Vorkämpfer der deutschen Einigung erwarb. Auch an dieser Stelle ziemt es sich, heute seiner zu gedenken, mit der Hochachtung, die einem Gegner solchen Ranges gebührt. Es wäre völlig verfehlt, Treitschke für einen grundsätzlichen Antisemiten von Anbeginn an zu halten. Zu seinen engsten Studienfreunden zählte der Chemiker Alphons Oppenheim; er hat ihm bis zum Ende seine herzliche Gesinnung bewahrt. Nach seinem Tode hat er öffentlich bekannt: „Selten ist mir ein Mann begegnet, der so ganz frei von Selbstsucht, so ganz Hingebung an andere war", und Oppenheims Bruder hat er damals versichert, außer seinen nächsten Angehörigen habe ihm kein Mensch auf der Welt mehr Liebe und Treue erwiesen als dieser Herzensfreund. Und als er zwei Jahre später seine Aufsätze zur Judenfrage schreibt, preist er ihn wieder als einen der treuesten, liebevollsten und uneigennützigsten Menschen, die er je gekannt; er verwahrt sich in einem Brief an den Bruder Oppenheims gegen die „beispiellos frechen Lügen", er sei ein Verteidiger der Unduldsamkeit, meint vielmehr, er hätte dem Toten jedes seiner Worte über das Judentum freundschaftlich ins Gesicht sagen können. Aber wir haben noch andere Zeugnisse für seine anfängliche Toleranz. Als Neunundzwanzig jähriger hat Treitschke einen funkelnden Lessing-Essay geschrieben, in dem er (der im Alter einmal die Erzählung von den drei Ringen als „tiefsinnige Ironie" kennzeichnen wird) erklärt: „Erst wenn die Ideen des Nathan in unserer Gesetzgebung sich vollständig verkörpert haben, dann erst dürfen wir uns rühmen, in einer gesitteten Zeit zu leben." Ein paar Jahre hernach schließt er, als junger Heidelberger Professor, noch einmal aufrichtige Freundschaft mit einem Juden. Es ist sein Kollege Levin Goldschmidt, der Meister des Handelsrechts, „ein gescheiter, tapferer Preuße, Gentleman durchaus; von jüdischen Schwächen hat er gar nichts, auch seine feine Frau nicht". Ein gewisses Mißbehagen Treitschkes über jüdische Einflüsse im neuen Reich äußert sich schon ziemlich früh; aber diese kritischen Andeutungen werden in der Öffentlichkeit nicht weiter beachtet. Die Abneigung verschärft sich angesichts der gerade auch von der jüdischen Elite beklagten üblen Erscheinungen der Gründerjahre; sie findet weitere Nahrung in der unbesonnenen Haltung einiger linksstehender Blätter. Immerhin, der Anfang 1879 abgeschlossene erste Band seiner „Deutschen Geschichte" atmet noch durchaus den Geist der Mäßigung. Es mußte erst ein Anstoß von außen her kommen, um Treitschke aus seiner Zurückhaltung hervorzulocken. Dieses auslösende Moment war die Rede Adolf Stöckers vom 19. September 1879, in der er die Forderungen der christlich-sozialen Bewegung an das Judentum 371

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