Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Karl Joel
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 367 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895534-2904387--07521-2904445- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Herman Schmalenbach: Karl Joel angeklopft. Trotzdem ging er nach Basel nur widerstrebend, wurde hier jedoch schon nach fünf Jahren außerordentlicher und nach dem Erscheinen des zweiten Bandes des Sokrates 1902 ordentlicher Professor. io,i3 hat das Vertrauen seiner Kollegen ihn zum Rektor der Universität gewählt. Durch die Folgen eines ersten Schlaganfalls, den er im Sommer 1929 erlitt, wurde er gezwungen, sich von den Verpflichtungen des Ordinariats entbinden zu lassen, doch hat er in eingeschränkter Weise bis zu seinem Tode seine akademische Lehrtätigkeit fortgesetzt. Das Buch über Sokrates hat viel Widerspruch gefunden und auch Joel selbst später nicht mehr befriedigt. Doch verbirgt sich hinter den, enormen Massen philosophiehistorischer und philologischer Gelehrsamkeit eine universale These, die auch über das Verständnis des Sokrates hinausgeht: im klassischen Hellas Einschläge von „Romantik" aufzudecken. Geschah dies hier immerhin noch derart, daß die Romantik dem Hellenischen als ein ihm grundsätzlich doch Fremdes zugekommen sein sollte, so wurde in dem schönen und wichtigen Buche über den „Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geist der Mystik" (1903) das Romantische vielmehr als die Wurzel der griechischen Welt selber begriffen. Mit dieser These war Joel sich bewußt auf den Wegen Nietzsches zu gehen, und das Buch über „Nietzsche und die Romantik" mit den Anhängen über „Nietzsche und die Antike" und „Schopenhauer und die Romantik" (1905. 2. Aufl. 1923) wollte dann die romantischen Hintergründe auch Nietzsches wie zugleich Schopenhauers sichtbar machen. Damit aber mußte Joel deutlich sein, daß dies alles auch bei ihm nicht nur geschichtliche Thesen waren. Von Anfang an ist es Joel in dichter Verbindung mit der Historie um systematische Philosophie zu tun gewesen. Und zwar gegenüber dem mechanistischen Naturalismus, dessen gedankliche Sauberkeit Joel in seiner Jugend kurze Zeit beeindruckt und mit dem er dann ernsthaft gerungen hatte, um die neue Begründung einer, wie man zu sagen pflegt, idealistischen Weltanschauung. Zunächst hatte Joel dabei eine gewisse Tendenz, diese als subjektiv-ethischen Idealismus zu verstehen, was noch den Einsatz zu dem Buche über den „Freien Willen" bestimmte (1908). Und auch später hat er sich niemals ganz davon entfernt: die im Kriege (1916) gehaltenen Vorträge über „Die Vernunft in der Geschichte" und „Die Bedeutung unseres klassischen Zeitalters für die Gegenwart" wie der Vortrag zu Kants zweihundertstem Geburtstag — „Kant als Vollender des Humanismus", 192 4 — bezeugen nach wie vor Joels Glauben an eine Suprematie des freien, ganz auf sich selbst gestellten Menschen über alle Natur. Doch schon die Durchführung des Buches über den Freien Willen, vor allem aber das über „Seele und Welt" (1912) sind in Wahrheit um eine andre und, wie Joels spätere große Werke zeigen, ihm tiefer gemäße Lösung im Sinne eines „objektiven Idealismus" durch die Neufassung des Gedankens vom Organischen bemüht. Was Joel hierunter verstand, war die Überzeugung, daß die ganze Welt, die Gesamtheit des Seienden überhaupt, kein bloßes Räderwerk, sondern ein allenthalben sinnvolle Ordnung in sich bergender Kosmos 367