Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Karl Joel
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 366 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Herman Schmalenbach / KjCLfl Joel Am 22. Juli ist Karl Joel gestorben. In Bad Ragaz, der Todes- und Begräbnissladt Schellings, hat ihn, vierzehn Tage nach Beendigung des Basler Sommersemesters, ein Gehirnschlag getroffen. Zur Bestattung auf dem jüdischen Friedhof in Basel, wo die jüdische Gemeinde ihm ein Ehrengrab bereitete, kamen zahlreiche Freunde, Verehrer, Kollegen aus den Ferien herbei, viele von entlegenen Orten, besonders Angehörige der Universität Basel unter der Führung des Rektors. Nach dem Rabbiner, der ebenfalls schon in die Ferien gereist gewesen war, sprach im Auftrag der Universität der Verfasser dieser Zeilen als Joels Nachfolger auf dem Basler Lehrstuhl der Philosophie! Karl Joel war am 27. März 1864 zu Hirschberg in Schlesien geboren. Sein Vater war Rabbiner, ebenso wie der Großvater und die ferneren Ahnen, auch der durch seine religionsphilosophischen Arbeiten bekannte Onkel Manuel Joel in Breslau. Der Vater, eine beschauliche Gelehrtennatur, hatte bei Schelling studiert und diesem auch persönlich nahegestanden. Auch als Geistlicher war er philosophisch interessiert geblieben und hat trotz seines frühen Todes — der Sohn war erst 16 Jahre, als er den Vater verlor — dem Knaben Entscheidendes mitgegeben. Zugleich empfing dieser warme Gemütsnahrung „durch einen innigen Familiensinn, den namentlich die hingebungsvollste, ewig sorgende Mutter einzupflanzen wußte, die alles ernst mit dem Scharf blick echter Empfindung, ja mit unmittelbarer Leidenschaft ergreifend, bis in ihr hohes Alter den beiden Kindern stärksten Lebenshalt bot". Diese Worte Karl Joels selber sind hier um so mehr zu zitieren, als Joel, der ebenso wie seine Schwester unverheiratet blieb, dieser und der Mutter zeitlebens dicht verbunden geblieben ist. Gemütsnahrung sog Joel aber auch aus seiner deutschen Heimat: dem Riesengebirge mit seinem Duft von Naturromantik, den Rübezahlsagen, und der Kleinstadtidylle Hirschbergs, wo zugleich das alte humanistische Gymnasium den Grund zu der strengen philologischen Schulung legte und die leidenschaftliche Liebe zur Antike entzündete, die für Joel zeitlebens charakteristisch waren. Mit fast philologischen Arbeiten ist Joel auch zuerst öffentlich hervorgetreten: zu Piaton, über den seine Doktordissertation handelte; zu den Zahlprinzipien in der frühesten griechischen Philosophie. Und fast philologisch war Joels erstes großes Werk: über den „echten und den xenophontischen Sokrates", auf dessen ersten Band hin der Philologe Ferdinand Dümmler 1893 Joel nach Basel zog. An den Universitäten, die dieser besucht hatte (Breslau und Leipzig), war er keinem ihm zusagenden Lehrer begegnet. Wegen der Habilitation hatte er an fünf Stellen vergeblich 366