Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Die christliche Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 364 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Rudolf Hallo alle Menschen in gleicher Weise reagieren, sondern daß sich völlig unbeschadet der politischen und ökonomischen Lagerung Menschengruppen durch charakteristische Eigenheiten in ihrer Verhaltungsweise stets von anderen Menschengruppen unterscheiden, gelangte man zur Aufstellung des Rassenbegriffs, wobei Rasse die Summe aller exakt und sinnfällig faßbaren Eigenheiten umschließen sollte, die eine biologische Gruppe von jeder anderen trennt. Während dieser Wissenschaftszweig noch in den Anfängen seiner Ausbildung steckte und ihre Führer, wie v. Luschan, nach einem der willkürlichen Auslegung entzogenen Maßstab der Rassenzugehörigkeit suchten, wurde mit dieser Methode auch der Versuch gemacht, aus der Statuierung erblicher psychischer und physischer Eigentümlichkeiten einer Gruppe nicht nur auf ihre Rasse, sondern zugleich auch auf ihren geistigen Wert Schlüsse zu ziehen. Indem man die Merkmale der jüdischen Rasse insbesondere aus der Beurteilung der lebenden Juden einerseits und aus dem dem modernen europäischen Betrachter fremdesten und daher vermutlich charakteristisch jüdischen Teil der jüdischen Hinterlassenschaft des Altertums, der „Gesetzesreligion" anderseits abnahm, kam man alsbald zu der Konsequenz, den weniger fremden Teil der Hinterlassenschaft, die Prophetie und den universalistischen Geist, den Juden ab- und einer anderen Urhebergruppe zuzuschreiben, mochten sie nun Perser (Gobineau), Sumerer (Friedrich Delitzsch) oder Hethiter (Chamberlain) heißen. Eine weit ernstere und tiefere Gefahr droht dem Judentum und der Wissenschaft vom Judentum aber in der von einem Harnack geführten antijudaistischen theologischen Bewegung, die in Anknüpfung an den frühchristlichen Marcionismus das Alte Testament in seiner Eigenschaft als Grundlage des Neuen entbehrlich zu machen strebt. Es ist nicht unser Beruf, in diese innerchristlichen Kämpfe einzugreifen, aber wir dürfen vielleicht einer heilsmäßigen Geringschätzung des Alten Testaments das Wort jenes klugen Geistlichen entgegensetzen, der Friedrich dem Großen auf die Frage, ob er auch nur einen Beweis für die Wahrheit des Christentums wüßte, antwortete: Ja, Majestät — die Juden. Noch sind wir in der Zustandsschilderung nicht aus der Epoche des Großbetriebs der Wissenschaft hinausgekommen, obwohl die Richtungslinien schon darüber hinaus wiesen in unsere eigentliche Gegenwart. Diese Gegenwart wird, soweit es dem in sie Einbezogenen möglich ist, in kritischer Besinnung ihrer Grundzüge gewahr zu werden, durch drei Richtungen charakterisiert, die mit natürlicher Notwendigkeit aus dem Nährboden des Wissenschaftsbetriebs der vorangegangenen Zeit herausgewachsen sind. Indem nämlich die 364