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Der Morgen · 1934-11-01 · Heft 8 (November 1934) · p. 365

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 8 (November 1934)
Article
Die christliche Wissenschaft vom Judentum
Date
1934-11-01
Page
365 (sequence 7)
Language
German
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Die christliche Wissenschaft vom Judentum „Puritaner" dieses Großbetriebs mehr und mehr in die langsamste empirische Kleinarbeit hineingezwungen wurden, strömte das Leben ihres Leibes und ihrer Seele unfaßbar schnell an ihnen vorüber, durch keinen Empirismus oder Historismus mehr gebändigt. Sie versuchten heroisch sich der Strömung zu entziehen und sie wurden, wo es ihnen gelang, wirklichkeitsferne Menschen. Als solche aber waren sie zur Fortpflanzung ihrer Wissenschaftlichkeit unfähig; sie sahen sich außerstande, Schüler zu gewinnen, und damit war das Ende der Epoche verhängt. Die neue Generation konnte sich diesem Sachverhalt gegenüber in verschiedener Weise einstellen. Sie überschritt entweder die Grenze der Belegbarkeit und ging ins Mythische, womit die Wissenschaft im alten Sinn überhaupt verworfen war und die Metaphysik ihre Rückkehr in das geräumte Feld feierte, oder sie schritt nicht einmal mehr bis an die Grenzen der Belegbarkeit, um nicht durch Tatsachenkenntnis in dem für das Leben als richtig Behaupteten gestört zu werden, womit die Wissenschaft zur Magd der Theologie als der Lehre vom Leben auf Gott hin herabgesetzt war und die Mystik ihren Siegeszug antreten konnte, und drittens konnte sie die Wissenschaftlichkeit der vergangenen Lehrzeit mit klarem Geist und warmem Herzen weiterführen, indem sie die Kraft, die sich bisher in der möglichst vollkommenen Oberflächenbeschreibung der gewordenen Gegenstände historischer Erkenntnis zerstreut hatte, nunmehr dem Werden eben dieser Gegenstände parallelzuschalten suchte, womit die in der Soziologie vorgewiesene Bahn der Strukturforschung als die derzeit reinste Form der Wissenschaftlichkeit überhaupt festgelegt war. Freilich ist das repräsentative Werk dieser lebendigen und wirklichen Wissenschaftsform unserer Generation noch nicht geschaffen worden, aber es kann bereits umschrieben werden, welche Bedingungen es mindestens erfüllen muß, um jenen Repräsentanzwert zu gewinnen: es muß Struktur haben, indem es der Struktur des behandelten Gegenstandes in reiner Weise nachgeht, es muß „puritanischen" Charakter besitzen, insofern es als historisch-analytisches Werk nicht Weltanschauung sein kann, sondern Weltanschauung allererst begründbar machen will, und es muß schließlich auf vollkommener Beherrschung des Wißbaren stehen und ebenso weit vom Mythos wie von Mystik entfernt sein. Hat es diese Voraussetzungen erfüllt, dann, aber auch nur dann kann es als n e u e s Werk seinerseits Kräfte entfalten und entbinden, die jenseits aller methodologischen Ausdenkbarkeit oder projektivhistorischen Berechenbarkeit liegen. Zu unserem Glück! Denn wir, die junge Generation, sind nicht die Generation der Endzeit, wie uns die Mythiker und die Mystiker glauben machen wollen, sondern wir wollen Väter sein von Kindern, denen das Beste, was wir zu leistenvermögen, Fundament sein soll für das, was sie zu bauen haben. 365

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