Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Die christliche Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 363 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die christliche Wissenschaft vom Judentum tum als der Vorstufe des Christentums zu beachten. An der Spitze dieser durch die ganze Periode hindurchziehenden, Judentum und Christentum innerlich verknüpfenden Bemühungen steht das Meisterwerk des als entschiedenen Protestanten beginnenden und als Katholiken endigenden August G fror er von 1831 über Philo und den Einfluß der jüdisch-ägyptischen Schule auf die Lehre des Neuen Testaments. An ihrem Ende steht, nicht mehr mit dem Akzent auf der theologischen, sondern auf der historischen Seite des Problems, das große Werk Eduard Meyers „Ursprung und Anfänge des Christentums" von 1920. Am Ausgang einer Epoche, die sich die Durcharbeitung aller religionshistorischen und politischen Phasen des Altertums, insbesondere des Hellenismus und des sogenannten Synkretismus zur Aufgabe gestellt hatte, will es mit nahezu universeller Beherrschung des Quellenmaterials die Gesamtgeschichte der alten Welt in voller Breite bis auf die Linie herabführen, auf der sich der römische Cäsar und der galiläische Messias als die beiden um die Weltmacht ringenden Mächte gegenübertreten. Schon der Versuch des Werkes, über dessen Verwirklichung oder Ausfall wir uns zu urteilen nicht anmaßen können, bedeutet die völlige Überwindung jener geschichtlichen Anschauungsweise vom vorchristlichen Altertum, die wir an einer früheren Stelle unter dem Bild vom Blick durch den sich verengenden Trichter vorzustellen versuchten. Schließlich haben wir noch als einen der ganz Wenigen, die die Einheitlichkeit der jüdischen Geschichte als ein durchgängiges Schicksal empfanden, mit menschlicher Dankbarkeit den katholischen Kirchenhistoriker I g n a z v. D ö 11 i n g e r zu erwähnen („Die Juden in Europa", 1881). Dem Eindringen der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise, die in der Spenglerschen Morphologie zum Durchbruch gekommen ist, verdanken wir in erster Linie die aufklärenden Untersuchungen zur Landes-, Menschen- und Wirtschaftskunde jener Gegenden und Zeiten, die den Schauplatz der jüdischen Geschichte bildeten. Indem die Naturwissenschaft uns belehrte, was unter einem so gearteten Himmel und auf einem so beschaffenen Boden politisch, ökonomisch und psycho-physisch in der Regel möglich sei, wurde der gesunde Erdgeruch unter der literarischen oder monumentalen Decke wieder spürbar. Auch hier half das gute Vergleichen und sachliche Auf-den-Grund-gehen zu einer eigentlicheren Erkenntnis etwa der geschichtsbildenden Leistungen des jüdischen Stammes gegenüber dem generellen Lebensverlauf geschichtslos namenloser Wüstensippen, wie es uns auch hier wieder Wellhausen und vor allem Max Weber (als der Letzte am Scheideweg der Generationen) verständlich machten. Insofern sich bei zunehmender Länder- und Menschenkunde aber ergab, daß auf gleiche naturphysiologische Bedingungen nicht 363