Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Die christliche Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 362 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Rudolf Hallo rischen Prozeß der Entwicklung unterworfene aufgewiesen. Konnte noch eine Grammatik von Michaelis die orientalistischen Sprachverhältnisse an den festen Stamm der hebräischen Sprachkunde anreihen, konnte noch Gesenius in einem dem griechischen Purismus der idealistischen Periode entsprechenden Stil die hebräische Sprache als eine nahezu unbeeinflußte und unbeeinflußbare darstellen, so ist inzwischen durch die Arbeiten mannigfacher Forscher, nicht zum mindesten von Franz Delitzschs Sohn Friedrich Delitzsch, unsere hebräische Sprache in eine gleichgeordnete,, häufig sogar nachgeordnete Stellung gegenüber ihren orientalischen Schwestersprachen getreten. In der motivisch begründenden Geschichts- und Kulturgeschichtsschreibung hat das vergangene Jahrhundert wohl das Bedeutendste geleistet und der heutigen Soziologie als Strukturforschung den Boden bereitet. Es genügt hier, einen Mann wie Well - hausen zu erwähnen, der an Rang kaum irgendeinem der ganz großen Historiker nachstehen dürfte und der auch deswegen von so überragender Bedeutung ist, weil er, wie seinerzeit Mommsen, seine Geschichte in einer Form vorzutragen wußte, daß sie sich als die allein mögliche und demgemäß wahre vorstellte, ehe man in Versuchung kam, sie nachzuprüfen. Mit Wellhausen und seiner Schule verbindet sich bei den Juden zunächst stets die Vorstellung von elohistischer und jahwistischer Quellenscheidung im Pentateuch und damit je nachdem das Gefühl der Abneigung gegen den Frevler oder der Überlegenheit gegen den „bisher noch nicht widerlegten" Verführer. Beide Gefühle sind aber schlecht am Platze. Innerhalb der Wirklichkeit hat allein das Wirkende Recht. Und Wellhausens Geschichtsbild besitzt dieses Recht, ganz unabhängig davon, ob es als richtig oder falsch erwiesen wird. Neben der Geschichtsschreibung, die übrigens, wie nahezu die gesamte hierhergehörige Wissenschaft, stets nur das vorchristliche Judentum im Auge hatte, entwickelt sich, gestützt auf die Fülle des altorientalischen Materials und gefördert durch die faktische Vermehrung der jüdischen Geschichtsquellen mit Hilfe der Archäologie, die Einsicht in die Zusammenhänge, die zwischen der Religion (Greßmann), dem Märchenstoff (Gunkel), dem Staatsleben (Ed- Meyer), der Poesie, der Wohn- und Formkultur (Bertholet) usw. der Juden und ihrer Nachbarvölker bestehen. Es braucht nur an Namen wie Tel-El-Amarna oder Elefantine erinnert zu werden oder an den Hammurabi-Kodex und die babylonischen Psalmen, um die Belebung, die der Hintergrund der altjüdischen Geschichte erfahren, zu vergegenwärtigen. Aus diesem allgemeinen Gebiet ist vor allem innerhalb der theologisch betriebenen Sphäre die Beschäftigung mit dem Juden- 362