Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Die christliche Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 361 (sequence 3)
- Language
- German
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Die christliche Wissenschaft vom Judentum mit verklärendem Licht oder in verheimlichendem Halbdunkel zu sehen gewohnt waren, die heroische Anstrengung, die Objekte der historischen Erfahrbarkeit losgelöst von allen persönlichen und wertenden Beziehungen zur reinen Darstellung zu bringen, um einer kommenden Generation ein reineres Material zum neuen Bau ihrer Weltanschauung zu überreichen. Die Wissenschaft vom Judentum nun wurde in dieser Ära in drei Teile zerlegt. Der älteste Teil, Bibel Wissenschaft und Geschichte der jüdischen Religion im Alten Testament, wurde systematisch und historisch bei der Theologie als notwendige Einleitungswissenschaft zum Neuen Testament belassen. Die antike jüdische Geschichte und Kulturgeschichte wurde als einer unter vielen gleichartigen Teilen der allgemeinen philosophischhistorischen Disziplin zur Nutzbarmachung durch vergleichende und quellenmäßige Verwertung dankbar eingegliedert. Die Kenntnis des nachbiblischenjudentums aber, der talmudischen, rabbinischen und mittelalterlichen, sowie neuerdings auch der juden-volkstümlichen Gebiete des Ostens, wurde als Judaistik abgetrennt und besonderen, entlegenen Forschungsinstituten überwiesen. Damit war das Ende der christlichen Wissenschaft vom Judentum im alten Sinne besiegelt. Die Judaistik, die noch am meisten das alte Erbe pflegte, war zu einem abtrennbaren und damit „entfernten" Wissengebiet geworden, das ohne jede fruchtbare Beziehung zur Gesamtarbeit der wissenschaftlichen Schulen verblieb. Die Bibelwissenschaft wurde zu einer bloßen Ergänzung der Theologie und war eben damit, wenn auch in anderer Weise und in anderem Grade wie die Judaistik, dem Stromnetz der dominierenden Wissenschaftsformen entzogen, da ja die Theologie überhaupt in eine wissenschaftlich lediglich geduldete Stellung zurücktreten mußte. Die vergleichende Verwendung des alttestamentlichen Materials zur politischen, kulturellen oder Religionsgeschichte aber mündete so sehr in die allgemeine Strömung und Arbeit der philologisch-historischen Forschung ein, daß ein Versuch, sie darzustellen, bedeuten würde, die gesamte philologisch-historische Forschung des vergangenen Jahrhunderts vorzuführen. Infolge dieses Aufgehens der christlichen Wissenschaft vom Judentum in die allgemeine Wissenschaft aus historischen Quellen haben wir nun nur noch die Bahnen aufzuzeigen, auf denen diese letzte Epoche in unsere Gegenwart einmünden wird. Dabei ist am sinnfälligsten die Profanisierung und Historisierung der heiligen Sprache. Die hebräische Sprache wird, zumal bei der zunehmenden Bekanntschaft mit den altorientalischen Sprachen, nicht nur sprachvergleichend als eine unter vielen verwandten Sprachen erkannt, sondern auch als eine in sich selbst dem histo- 361