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Der Morgen · 1934-11-01 · Heft 8 (November 1934) · p. 360

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 8 (November 1934)
Article
Die christliche Wissenschaft vom Judentum
Date
1934-11-01
Page
360 (sequence 2)
Language
German
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Rudolf Hallo ästhetisch bewundernswerte Leistung des Judentums in den langen Jahrhunderten seiner Zerstreuung zu blendender Darstellung. Der Grundton des Buches ist eine sympathisierende Gesinnung, der jedoch die Schwäche nicht fehlt, um der ästhetischen Befriedigung willen die historische Entwicklung revidiert zu wünschen. Delitzsch bedauert die Emanzipation der Juden vom Standpunkt der Juden her, weil er in ihr die Gefährdung der jüdischen Eigenart, die Verkümmerung selbständig wertvoller jüdischer Leistungsfähigkeit und Sprachbegabung sieht. Er würde um der sonderbaren Schönheit der jüdischen Poesie willen, die in den engen Mauern der Einschränkung erklungen ist, lieber die Einschränkung fortgesetzt sehen als es der Zeit anheimzustellen, was den Juden in der Befreiung zu schaffen gelingen würde, oder gar die Befreiung als historische Grundlegung einer neuen Epoche anzuerkennen. Ästhetische Romantik ist wohl der zutreffendste Ausdruck für diese Betrachtungsweise. Nur um das Bild dieses selbständigen Kopfes schärfer zu zeichnen, wollen wir hinzufügen, daß er ein ausgemachter Feind des den individuellen Menschen verflüchtigenden Idealismus Schillers ist. Der Keim von Unwirklichkeit, den wir in jenem rührend schönen Jugendbuch zu innerst verborgen fanden, entwickelte sich zu barocken Gedanken im höheren Alter. Delitzsch vermochte es, die christliche Missionierung der Juden als letzte Aufgabe seines Lebens zu betreiben. Er übersetzte das Neue Testament ins Hebräische und schuf sich in Leipzig ein Institut für den ausgesprochenen Zweck der Judenmission. Diese Einsichtslosigkeit in die wahren Kräfte der Geschichtsbildung sind das letzte Herüberwirken der romantischen Zeit der christlichen Wissenschaft vom Judentum in das neu angebrochene Zeitalter des Großbetriebs der Wissenschaften. „Großbetrieb der Wissenschaften" ist die mit Stolz gewählte Selbstbezeichnung für eine, was die philologisch-historischen Fächer anlangt, vielleicht im Moment schon zu Ende gehende Wissenschaftsepoche. Sie ist, nach außen hin, gekennzeichnet durch die Rationalisierung des wissenschaftlichen Arbeitsprozesses, nach innen durch die unpersönliche Arbeitsweise ihrer Vollzieher. Die programmatisch angesetzte oder die faktisch gewordene Arbeitsteilung wird nicht nur nicht beklagt, sondern — anfänglich — im Interesse der intensiven Bewirtschaftung der Kleingebiete gewünscht. Die Rationalisierung des Wissenschaftsbetriebs erfolgt jedoch nicht bloß aus dem äußerlichen Anlaß der überwältigenden Stoffmengen, sondern, wenn man ihr auf den Grund sieht, aus einem in gewissem Sinne puritanischen Klärungsbedürfnis. Sie ist nach der Periode des Idealismus und der Romantik, die beide ihre Objekte 360

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