Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1934-11-01 · Heft 8 (November 1934) · p. 356

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 8 (November 1934)
Article
An der Grenze
Date
1934-11-01
Page
356 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895526-2895534-2904385--07507-2904434
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Leo Hirsch Hosea Kiwi durch Zeichen zu verstehen, daß er die Zigarre in die Luft halten sollte, und erklärte zugleich den Umherstehenden mit einigen Worten, wie schwer der große Ock gegen das Feuer seiner Zigarre aufkäme. Als der Rechtsanwalt das Wort Zigarre hörte, schnappte in der Mausefalle seines Gehirns ein Türchen ins Schloß, und als der große Ock begriff, was Hosea Kiwi von ihm wollte, da hob er automatisch die Zigarre in die Höhe. Im gleichen Augenblick drückte Obadja auf den Spritzenhahn, ein dicker, eiskalter Wasserstrahl schoß hervor, traf zunächst den Arm des großen Ock, der ihn sofort, über sein ganzes gelbes Eskimogesicht grinsend, herunterzog, aber die Zigarre doch gerettet hatte, ja, sie war nicht einmal naß geworden und glimmte und duftete weiter. Nun aber fuhr der Wasserstrahl in die Menge und kühlte schnell alle Neugier ab, man schrie, lachte, schalt, fluchte, drohte, trat einander auf die Füße, hieb um sich, und ehe man sichs versah, waren mehrere wilde Schlägereien im Gange. Obadja wollte den Spritzenhahn wieder zudrehen, aber er brachte es nicht zustande, und je mehr er sich darum bemühte, desto ärger schoß das Wasser aus dem dicken, roten Schlauch. Erschöpft wollte er den Schlauch zu Boden sinken lassen, da fuhr ihm der Strahl gegen die Knie und warf ihn selbst zur Erde, so daß er mit Mühe und Not wieder aufstand, um nicht auch noch getreten zu werden, und den Schlauch hochhielt. Er schrie seinen Brüdern zu, sie sollten aufhören, Wasser zu pumpen, aber der allgemeine Lärm verschlang seine Worte, und das Erste, was er deutlich hören konnte, war ein gellender Ruf: „Polizei!" Zwei Minuten darauf waren die Gasse und der Schulhof, dessen Tor noch weit offen stand, menschenleer. Im Tor stand der Spritzenwagen, davor blöde und müde die Kuh. Neben dem Wagen lag ein Haufen Feuerwehrhelme und Röcke. Neugierig, aber wohl ziemlich verständnislos stand der große Ock in einiger Entfernung. Er hatte sich offenbar entschlossen, die Zigarre auszurauchen, und genoß sie Zug um Zug. Der Rechtsanwalt Goldfink ging auf ihn zu und sagte: „Woher haben Sie diese Zigarre?" Er beugte sich näher, um festzustellen, ob es seine Marke war, aber der große Ock war nun gewitzt und zog sie ihm vor der Nase weg, steckte sie in den Mund, nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch dem Rechtsanwalt ins Gesicht. Goldfink zog ein weißes Taschentuch aus der Brusttasche und schneuzte sich umständlich, dann fragte er von neuem: „Woher haben Sie die Zigarre?" und setzte inquisitorisch hinzu: „Keine Ausflüchte, wenn ich bitten darf!" Das Grinsen schien in Ocks Gesicht eingemauert, es brachte den Rechtsanwalt zur Wut, aber Ock reagierte auch ein drittes Mal nicht. Dafür stand nun der alte Michenschwitz mit dem klei- 356

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.