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Der Morgen · 1934-11-01 · Heft 8 (November 1934) · p. 357

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 8 (November 1934)
Article
An der Grenze
Date
1934-11-01
Page
357 (sequence 6)
Language
German
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An der Grenze nen Kopf und dem großen Schnauzbart neben dem Rechtsanwalt und sagte: „Herr Rechtsanwalt sollen leben, er hört doch nebbich nicht. Soll ich es ihm vielleicht verständlich machen?" Der Rechtsanwalt winkte unwillig ab und versuchte sich selbst in der Zeichensprache. Er deutete auf die Zigarre und hielt mit einer fragenden Gebärde beide Hände vor sich hin. Der große Ock folgte seinen Bewegungen, deutete dann mit seinem Zeigefinger auf die Stirn des Rechtsanwalts und tippte mehrmals darauf. Du bist nicht bei Tröste, heißt das in der allgemeinen Zeichensprache, aber es ist nicht ausgeschlossen, daß der große Ock etwas anderes damit meinte. Der alte Michenschwitz tat, als wenn er nichts gesehen hätte, zupfte Goldfink am Rockärmel und sagte: „Herr Rechtsanwalt sollen leben, es ist Zeit, beten zu gehen." Sie gingen in das kleine Bethaus hinüber und sahen nicht mehr, wie ein junger Mensch an zwei Krücken vorbeihumpelte, dessen Gesicht so traurig war, daß ihm nicht einmal der Anblick der Kuh vor der Feuerspritze ein Lächeln zu entlocken vermochte. Dann öffnete sich das wackelige Gatter des alten, morschen Hühnerstalls in der Ecke des Schulhofs, gackernd kam ein Huhn hervor und danach, bestaubt und voller Federn, hintereinander die zwölf Kiwi-Jungen. Sie putzten einander hastig die Federn von den Anzügen, liefen reumütig zum Spritzenwagen, packten die Helme und Röcke auf und halfen voller Scham und Eifer der Kuh ziehen und schieben. Eine Viertelstunde später war alles wieder im Spritzenhaus, auch die Kuh wurde ordnungsgemäß an Ort und Stelle gebracht, und nur zum Beten wagten sie nicht zu gehen. „Wir haben Glück genug gehabt", sagte Obadja zu den anderen, „daß der Polizist wahrscheinlich ebensoviel Angst vor uns hatte, wie wir vor ihm". Aber der vierjährige.Secharia piepste: „Ich hab keine Angst gehabt!" Und er deutete auf den großen Ock, der sich mittlerweile im Hühnerstall schlafen legte. Es wurde dunkel, die Männer kamen vom Beten, der lange Tisch der Familie Kiwi war gedeckt, der Kantor Kiwi kam nach Haus, seine Frau fragte nach den Kindern, er hatte keins gesehen. „Wie Ihr angefangen habt zu beten", sagte Frau Kiwi, „kamen sie alle zwölf aus dem Hühnerstall und haben alles wieder fein sauber ins Spritzenhaus zurückgebracht. Ich hab hinter der Gardine alles gesehen. Wenn nur keine Anzeige kommt." „Ich war schon auf dem Revier und habe es selber angezeigt. Aber der Wachtmeister mußte so lachen über die kalte Dusche, und Schaden ist ja keiner angerichtet. Er wird ein Auge zudrücken. Dann wollen wir auch kein Wort darüber verlieren, Rachele." „Aber Markus, wenn sie nur erst da wären!" „Sie werden sich versteckt haben. Geh nur, Rachele, ruf sie." Frau Kiwi trat aus der Küchentür in den Schulhof und rief: 357

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