Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 355 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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An der Grenze Spritzwagen zog. Sie schnappte beständig nach dem Grünzeug, das der Knabe ihr beharrlich vor der Nase wegzog. Das Bild war um so ungewöhnlicher, als Jona Kiwi sich in einen Feuerwehrmann verkleidet hatte, wobei „Mann" eine leichte Übertreibung ist, denn schon die dunkelblaue Jacke mit den blitzenden Metallknöpfen reichte ihm wie ein zu großer Mantel bis an die Fersen, und der bombastische Helm schützte auch noch seine Schultern mit. Um ein wenig Schwung in die Sache zu bringen und auch um das Heulen der Kleinen und das Zanken der Größeren zu übertönen, hatte einer von den Kiwi-Jungen ein Lied angefangen, und da er kein passenderes wußte, sang er das Sabbath-Ausgang-Lied vom Propheten Elia, und sogleich stimmten auch die anderen Elf ein, ja, es schien fast, als ob nun die Kuh viel besseren Appetit zeigte, und der Spritzenwagen mit seinen vielen Eimern, Schläuchen und Kindern ratterte rascher über das holperige Pflaster. Die Fenster der Kaiserstraße waren im Augenblick geöffnet, niemand konnte sich recht erklären, was vorging, niemand sich der Eigenart des Eindrucks entziehen, und dennoch wagte es noch niemand, so recht zu lachen, obwohl auch niemand an einen Brand dachte, und als der Spritzenwagen in die Gasse einbog, hatten sich bereits so viele Neugierige eingefunden, daß man einander quetschte und auf die Füße trat. Hier scheint schon oder bald eine glaubwürdige Rechtsperson nötig zu sein, dachte der Rechtsanwalt Goldfink und mischte sich unter die staunende Menge. Es war ein Augenblick der höchsten Spannung, denn der Spritzenwagen hielt vor dem hinteren Tor zum Schulhof, gegenüber dem kleinen Bethaus, und der Chor der zwölf Knaben vollendete den letzten Akt des Liedes vom Propheten Elia. Sogleich sprangen zwei, Joel und Arnos Kiwi, vom Kutschbock, kletterten über die Mauer und öffneten von innen das breite Tor zum Schulhof. Nun drängten sich die Zuschauer immer dichter herzu, die Kuh fraß dem unachtsam gewordenen Jona Kiwi den ganzen grünen Vorrat aus der Hand weg, und so mußten die Zwölf es schon von vornherein aufgeben, den Spritzenwagen noch in den Schulhof zu bugsieren. Da übergab Hosea Kiwi seinem Bruder Jona die Peitsche, stieg auch vom Kutschbock, brachte mit Obadjas Hilfe das eine Ende eines Spritzenschlauches an die Pumpe hinter dem Hoftor, befestigte es und ließ Joel und Arnos pumpen, während er selbst mit seinem Adlatus Obadja das andere, zum Spritzen bestimmte Ende des Schlauches in der Hand behielt und sich zu der Ecke wandte, in der immer noch der große Ock seinen heldenmütigen Kampf gegen das Glimmen der Zigarre kämpfte. Natürlich drängten die Zuschauer nach, erschreckt sah der große Ock auf, verstand nicht, was diese Menge von ihm wollte, und drückte sich immer mehr an die Mauer heran. Da gab ihm 355