Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 354 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch tagen mit dem Abendgebet zusammengelegt wurde, war er eine Stunde zu früh gekommen. Der alte Michenschwitz erfuhr das durch ein Kreuzverhör, das er unbarmherzig durchführte, und der feine Rechtsanwalt, der jede Frage beantwortete, kam sich dabei wie ein dummer Junge vor. Er wollte nicht nach Hause gehen, um eine Auseinandersetzung mit seiner Frau zu vermeiden, die kein Weihnachtsfest ohne Tannenbaum und keine Ostern ohne bunte Ostereier für die Kinder vergehen ließ, beim Besuch des jüdischen Gottesdienstes aber die Nase rümpfte. Schließlich entkam er dem alten Michenschwitz, indem er ihm eine Zigarre opferte und versicherte, er würde die freie Stunde benutzen, um das Grab seiner Mutter auf dem nahen Friedhof zu besuchen. Kaum hatte er das kleine Bethaus verlassen, als ihm seine Zigarre wieder einfiel. Er suchte sie, aber sie war weder auf dem Zaun noch war sie heruntergefallen. Sie mußte gestohlen worden sein. Der Rechtsanwalt war mittlerweile über die Fülle der Enttäuschungen so verärgert, daß er gar nicht mehr an das Grab seiner Mutter dachte, sondern beschloß, dem Dieb der Zigarre den Garaus zu machen; er empfand es als doppelten Rechtsbruch, einem Rechtsanwalt etwas zu stehlen. Aber wer war der Dieb und wo war er? In der Gasse war kein Mensch zu sehen. Nach welcher Seite mochte der Rechtsbrecher sich gewendet haben? Herr Goldfink ging die Gasse zu Ende, bog in die Kaiserstraße ein und ging in der Richtung zum Spritzenhaus, nicht ohne jeden Passanten mit den Augen nach seiner Zigarre zu untersuchen. Da begegnete ihm ein phantastischer Zug, der aus einem Haufen kleiner Jungen, einer Kuh, der großen Feuerspritze und einer Unzahl mehr oder weniger erwachsener Mitläufer und Zuschauer bestand. Die zwölf Kiwi-Jungen, die zuvor auf dem Schulhof mit dem großen Ock gespielt, hatten nämlich das Spritzenhaus gestürmt, sich jeder einen Feuerwehrhelm und einige auch die Röcke der Feuerwehrleute angezogen, eine Kuh ausgespannt, die in der Nähe gestanden hatte, und sie gezwungen, das Pferdegeschirr und Zaumzeug sich anlegen zu lassen. Dann hatten sie die große Feuerspritze zusammen mit Hilfe der Kuh herausgezogen und fuhren nun durch die Kaiserstraße zur Gasse. Die Kleinen saßen auf dem Spritzwagen in der feuerwehrüblichen Verteilung und läuteten die Alarmglocken, da die Kuh nicht so schnell von der Stelle kam, daß die Glocken sich von selbst bewegt hätten. Drei Jungen hatten sich auf den Kutschbock gezwängt, zankten um die Peitsche und machten großen Krach. Zwei von den kleineren saßen ganz hinten und waren vor Angst dem Weinen nahe. Der zehnjährige Jona Kiwi ging vor der Kuh einher. Er hatte einen Busch Klee und Gras in der Hand, und nur durch diesen Trick hatten sie die Kuh soweit gebracht, daß sie überhaupt den 354