Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 353 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Leo Hirsch: An der Grenze hohe Mauer und setzte sich im Schulhof zwischen die zwölf Jungen, die schon ein anderes Spiel auszutüfteln und zu beraten begannen. Gib mir die Zigarre, sagte einer von ihnen zum großen Ock und gab ihm gleichzeitig mit einer Art von Zeichensprache zu verstehen, was er wollte. Aber der große Ock schüttelte nur ängstlich den Kopf, stieß einen jaulenden Laut aus und drehte sich zur Mauer um. Er wollte die Zigarre um keinen Preis aus der Hand geben. Sie brannte noch, er beroch sie, zog wollüstig ihren starken Duft ein, wendete sich nach allen Seiten, kehrte sich wieder den Knaben zu und zeigte ihnen, wie er, der alte, große Ock, die schöne, dicke, runde, lange Zigarre in den Mund schob und wie er einen Zug nahm, einen wunderbaren, tiefen Zug — da verschluckte er sich, blies, spie, pustete, hustete, und die Jungen brüllten und johlten vor Gelächter. Als der große Ock wieder ordentlich atmen konnte, drehte er sich mit einer traurigen, gekränkten Bewegung der Mauer zu. Ein verstimmtes Lächeln stand in seinem gelben Lehmgesicht. Er versuchte die Zigarre auszulöschen, ohne sie zu zerstören, um sie ein ander Mal in einer glücklicheren Stunde zu rauchen. Aber wie intensiv er auch in ihr glimmendes Feuer blies, sie ging nicht aus, sie brannte immer besser. Die zwölf Jungen beobachteten seine vergebliche Liebesmühe eine Weile mit der größten Aufmerksamkeit, dann reifte in einem von ihnen ein tollkühner Plan. Er flüsterte, obwohl der große Ock ihn ohnehin nicht verstanden hätte, dem nächsten etwas darüber ins Ohr, der sagte es weiter, und wenige Sekunden darauf stürzte die ganze Bande mit wildem Geschrei aus dem Schulhof. Der große Ock blieb ganz allein an der Mauer zurück. Er war aber mit „seiner" Zigarre, deren Glimmen sich als so hartnäckig erwies, viel zu leidenschaftlich beschäftigt, als daß er das Weglaufen der Kinder bemerkt hätte. Der Rechtsanwalt Goldfink hatte das kleine Bethaus betreten und anstatt der versammelten Gemeinde nur den alten Michenschwitz darin gefunden, der ausfegte. Der Rechtsanwalt war im allgemeinen darüber erhaben, mit solchen Leuten zu sprechen, aber hier war das anders, denn der alte Michenschwitz, der ein ganz kleiner Mann mit einem ganz kleinen Kopf und einem ganz großen Schnauzbart war, sprach mit ihm. Der Rechtsanwalt gestand, daß er Jahrzeit hatte: es war ein Jahr seit dem Tode seiner Mutter vergangen, und er mußte (natürlich konnte ihn niemand zwingen, es war nur Pietät) an ihrem Todestag Kaddisch sagen. Er hätte es eigentlich schon am Abend vorher tun müssen, aber da hatte er es vergessen. Er wollte es dann wenigstens beim Morgengebet wieder gut machen, aber das hatte er verschlafen. Und nun zum Nachmittagsgebet, das an Wochen- 353