Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Die religiöse Situation in Palästina
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 347 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die religiöse Situation in Palästina denes Gedicht „Vor der Statue Apollos", wo er dieser Stimmung Ausdruck gab, und daß er ihr treu blieb, zeigte er in einem vor Jahresfrist veröffentlichten Gedicht, wo er die Besiedlung des Emek — die Rückkehr zur Erde, zur Fruchtbarkeit, zur Sinnlichkeit — als Sieg Baals über den jüdischen Gott pries. Der politisch-organisatorische Zionismus, der sich immer durch eine vollständige Blindheit gegenüber allen Kulturproblemen auszeichnete, sah, während er die jüdische Renaissance in der hebräischen Literatur propagandistisch pries, nicht, welche furchtbaren Fragen sich in Palästina ergeben werden, wenn erst einmal die zweite zionistische Generation, erzogen von solchen Ideen, ins Land kommen wird. Jetzt stehen wir mittendrin in dieser Auseinandersetzung. Zu diesen aus der hebräischen Literatur stammenden Einflüssen traten die aus der sozialistischen Welt kommenden antireligiösen Gedankengänge und haben die palästinensische Arbeiterschaft stark beeinflußt. Das törichte Wort „Klerikalismus" (das auf die jüdische Wirklichkeit paßt wie die Faust aufs Auge) und verwandte Parolen fanden ihren Weg. Sie beeinflußten insbesondere auch die Lehrer der Arbeiterschulen. Hier darf man an einer organisatorischen Tatsache nicht vorbeigehen. Die Zionistische Exekutive hat nach dem Kriege die Frage des Einflusses der verschiedenen zionistischen Parteien auf die Schule in der Weise gelöst, daß sie drei Schultypen schuf: die Misrachi-Schule, die Arbeiterschule und die „allgemeine" (unparteiische) Schule. Während es vom zionistischen Standpunkt aus gerade erforderlich gewesen wäre, eine Einheitsschule zu schaffen, in welcher die gemeinsame jüdische Grundlage aller Parteis chattierungen die Basis abgegeben hätte, wurde die Schule den Parteien aufgeopfert. So wurden in den Schulen die trennenden Momente hervorgehoben, schon um deren selbständiges Bestehen zu rechtfertigen. Die Arbeiterschaft hat vielfach in ihren Schulen modernen pädagogischen Grundsätzen zum Siege verhoifen. Aber dieser positiven Seite der Schulautonomie steht die negative gegenüber, daß die Arbeiterschule den bedeutenden erzieherischen Wert der religiösen Tradition preisgeben mußte. In diesen Schulen ist den Kindern leicht der erste Mai zu erklären, aber schwer der Jörn Kippur. Es mag als Illustration — vielleicht nicht charakteristisch, aber doch erwähnenswert — der Umstand angeführt werden, daß in einer Lehrerversammlung der Arbeiterschulen der Antrag gestellt wurde, aus dem ersten Buche Moses die Erwähnung Gottes zu entfernen und das Buch erst in dieser Gestalt den Kindern darzureichen (Zeitschrift „Mibapnim", Oktober 1933). Die Entfremdung von der Tradition kommt besonders stark in der Kwuzah zum Ausdruck. Ein großer Teil des jüdischen religiösen Lebens spielt sich in der Familie ab und hat deren Intimi- 347