Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Die religiöse Situation in Palästina
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 346 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hugo Bergmann Sprache weihten. Dennoch blieb ihnen die Überlieferung stumm und sinnlos. Die jüdische Bevölkerung Palästinas bis zur zionistischen Einwanderung war streng religiös, auch die erste Einwandererwelle in den achtziger Jahren war durchaus religiös eingestellt. In allen alten Kolonien steht das Gotteshaus im Mittelpunkt der Siedlung. Erst die zweite Alijah um die Jahrhundertwende brachte die Ungläubigen. In den Kolonien dieser Alijah findet der Besucher keine Synagoge mehr vor. Diese zweite Alijah war zunächst zahlenmäßig sehr gering, und man hätte vielleicht erwarten können, daß der alte religiöse Jischuw sie sich zu assimilieren imstande sein würde. Dies war jedoch nicht der Fall, und die Ursache dieses Unvermögens ist einer der wichtigen negativen Faktoren für die religiöse Entwicklung geworden: der religiöse Jischuw hatte und hat auch heute keine Kraft der Werbung. Er ist dem neuen Jischuw in jeder Weise geistig unterlegen. Er stand völlig verständnislos der Jugend und ihren Idealen gegenüber. Er konnte nicht in partibus infidelium werben, weil er es weder verstand, seiner eigenen Welt eine umfassende ideelle Basis zu geben noch die neuen europäischen Ideen in sich aufzunehmen und zu verarbeiten. Es war eine in sich erstarrte Welt. Die Religion ist diesen Menschen schlechthin mit der Einhaltung der Gebote identisch; sie waren nicht imstande, eine werbende zentrale Idee den Ideen entgegenzustellen, welche die aus der Schule des Zionismus und der russischen Revolution hervorgegangenen Einwanderer mitbrachten. Erschwerend tritt hinzu, daß der entscheidende Faktor der zweiten und dritten Alijah (1905 bzw. 1920), die Arbeiterschaft, trotz ihres zionistischen Idealismus ihre Anschauungen über Religion vielfach aus sehr trüben Quellen bezog. Da war einerseits, so weit jüdische Einflüsse in Betracht kamen, die Aufklärungsperiode (Haskala) in der hebräischen Literatur, aus der das moderne hebräische Schrifttum hervorgegangen ist. Des großen hebräischen Dichters I. L. Gordon feindliche Einstellung zum jüdischen Gesetz ist bekannt. Die neue hebräische Literatur sah! in der Freiheit von der Tradition geradezu ihre Grundlage. Wollte sie doch ein ganz neues Judentum bauen, sah sie sich doch als neuen Anfang, als Revolution. Die Dichter und Denker der hebräischen Literatur in der ersten zionistischen Zeit sehen im jüdischen Leben seit der Diaspora, diesem Leben, das auf der Religion ruhte, einen großen Irrtum. Ich habe an anderer Stelle (in meinem Buche „Jawne und Jerusalem") die Gedankenwelt Berdyczewskis dargestellt, die durchaus auf diesem Gedanken begründet ist, daß nämlich eine vollständige Umwertung der Werte stattfinden müsse. In dieser Umwertung ging einer der einflußreichsten Dichter, Saul Tschernichowski, so weit, das Heidentum zu preisen. Er veröffentlichte in seiner Jugend ein berühmt gewor- 346