Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Die religiöse Situation in Palästina
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 345 (sequence 1)
- Language
- German
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Hugo Bergmann (Jerusalem): Die religiöse Situation in Palästina Das jüdische Palästina ist kein einheitliches Gebilde, es ist in Folge der ständigen Einwanderung in unaufhörlicher Wandlung durch äußere Faktoren begriffen. Während wir in fast allen Ländern der Diaspora Generation mit Generation vergleichen und so Wandlungen in organischer Folge feststellen können, entwickelt sich da^ neue Palästina eruptiv, durch immer wieder neue Einwandererwellen ans immer wieder neuen Ländern. Nur ein Teil des Jischuw ist in seinem inneren Leben dem Beobachter relativ leicht erfaßbar: das ist der zum größten Teil aus osteuropäischen Einwanderern zusammengesetzte „neue Jischuw", der das öffentliche Leben beherrscht und sich in Zeitungen, Versammlungen, Reden offenbart. Aber es gibt jenseits dieses Bevölkerungskreises einen sozusagen stummen Jischuw, der an diesem öffentlichen Leben wenig oder gar nicht teilnimmt, insbesondere die Juden der orientalischen Gemeinden, die sich der Beobachtung des Außenstehenden sehr schwer darbieten. Von ihnen kann ich nicht berichten. Was aber den repräsentativen Teil des Jischuw anlangt, so ist er noch selbst so bunt, so vielfältig an Herkunft, Tradition, Sprache, Generation, daß ich es nicht wagen würde, ein zusammenfassendes Urteil zu fällen und zu sagen: so steht es mit der Religion in Palästina. Was ich tun kann, ist nur, einige charakteristische Züge hervorzuheben. Ich möchte in einem ersten Abschnitt die Momente zusammenfassen, welche negativ zu bewerten sind, und in einem zweiten diejenigen, welche ich positiv einschätze. So hoffe ich ein möglichst objektives Bild der religiösen Lage zu erzielen. Wir haben in allen Ländern den furchtbaren Bruch zwischen den Generationen erlebt, der durch den Abfall der Jugend von dem traditionellen Erbgut gekennzeichnet ist. Dieser Bruch der Tradition ist das entscheidende religiöse Ereignis des 19. Jahrhunderts. Man hätte sich vielleicht denken können, daß dieser Bruch in Palästina vermieden worden oder nicht so scharf ausgefallen wäre wie in andern Ländern. Denn anderswo ging der Bruch in der Traditionskette Hand in Hand mit den Erscheinungen der Assimilation. Nach Palästina aber kamen die „Gottlosen" als glühende jüdische Patrioten, die ihr Leben dem jüdischen Boden und der hebräischen 345