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Der Morgen · 1934-11-01 · Heft 8 (November 1934) · p. 344

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 8 (November 1934)
Article
Die jüdische Geschichte des deutschen Judentums
Date
1934-11-01
Page
344 (sequence 9)
Language
German
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IRI
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Tgnaz May bäum: Die jüdische Geschichte des deutschen Judentums Die Geschichte des deutschen Judentums ist jüdische Geschichte. Deshalb hat die Frage, ob sich das deutsche Judentum halten kann, eine jüdische Bedeutung. Sie bedeutet: wird die jüdische Neuzeit, die das deutsche Judentum in seiner Ablösung vom jüdischen Mittelalter geistig errungen hat, verloren gehen? Ein derartiger Verlust ist möglich. Wir sehen es im spanischen Judentum. Die Blütezeit des spanischen Judentums bedeutet in Wahrheit eine 'Geistesentwicklung, die das Judentum in ein neuzeitliches Judentum hätte verwandeln können, in ein Judentum also, das nicht mehr mittelalterliches und doch treues Judentum gewesen wäre. Da kam das Jahr 1492. Dem Judentum ging das geistige Ringen um die neue jüdische Geschichtszeit verloren; es blieb mittelalterliches Judentum, bis dann sehr spät, erst in Moses Mendelssohn, das deutsche Judentum das Ringen um jüdische Neuzeit aufnahm. In diesem Ringen stehen wir noch. Werden wir die Ernte einbringen können oder werden wir wie das spanische Judentum über die großartigen Anfänge nicht hinauskommen? Es geht nicht bloß um das materielle Schicksal der Juden in Deutschland, sondern um etwas, das das gesamte Judentum betrifft. Da wir die Auffangmöglichkeit Palästinas nicht überschätzen dürfen, könnte mit dem Ende des deutschen Judentums, das heißt, mit dem Ende seiner Geschichte, folgende Situation entstehen: im Osten ein Judentum, das das Mittelalter allein darstellt, gewiß zum Teil ungebrochen, aber ganz ohne die Fähigkeit des Zuschreitens auf die Neuzeit, und im englisch-amerikanischen Westen ein Judentum, das sich kopfüber in die Neuzeit der Umwelt gestürzt hat, ohne um die Mö-glichkeit einer jüdischen Neuzeit zu ringen. Wogegen wir zu kämpfen haben, wenn wir das deutsche Judentum für die ihm gestellten Aufgaben zu bewahren streben, ist zunächst die Gleichgültigkeit der radikalen jüdischen Ideologen: der eine kann an eine jüdische Geschichte außerhalb Palästinas nicht glauben, der andere erkennt das deutsche Judentum gleichfalls nicht als Träger jüdischer Geschichte an, weil eine jüdische Geschichte für ihn überhaupt keine Bedeutung hat. Deshalb setzt er sich über die soziologischen Bedingungen, unter denen die jüdische Geschichte des deutschen Judentums allein möglich ist, leichten Herzens hinweg. Neben dieser Gleichgültigkeit ist der Fatalismus, der alles verloren gibt, zu bekämpfen. Das deutsche Judentum befindet sich in keiner anderen Situation als der, in der sich unsere Väter bewährt haben; es steht in einer Erwählung, wie sie unsern Vätern zu den höchsten Entscheidungszeiten der jüdischen Geschichte zufiel. In solcher Lage mag uns ein Wort des Propheten Jesaja ermahnen und ermutigen. Es heißt hamaamin, lo jachisch: „Wer glaubt, flieht nicht" (Jes. 28, 16). Wem aber diese Übersetzung nicht zu passen scheint, der erkenne die andere mögliche Übersetzung an: „Wer glaubt, übereilt nichts." 344

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