Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Die jüdische Geschichte des deutschen Judentums
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 338 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ignaz Maybanm II. Die Existenz des nachemanzipatorischen Judentums ist durch die Gefahr gekennzeichnet, daß die Kraft der von Familie und Gemeinschaft getragenen Tradition nicht mehr ausreichte, Judentum zu bewahren. Es mußte etwas Neues hinzukommen. Das war die dem Einzelnen selbst zum Bewußtsein kommende Evidenz, durch die das Judentum bejaht wird. Diese persönliche Evidenz erst garantiert Judentum im neuzeitlichen Geschichtsraum. Durch dieses den Einzelnen zur persönlichen Überprüfung seiner Stellung zu Gott aufrufende Moment hat der Glaube, also ein religiöses Bewußtsein, das zur jüdischen Existenz hinzutritt, die Rolle der Tradition übernommen. In der neuen Zeit ist Treue zum Judentum entweder die persönliche Überzeugung, oder diese Treue hält nicht stand. Diese persönliche Überzeugung besaß die Generation der Kinder Mendelssohns nicht. Die Tradition band sie nicht mehr, und eine persönliche Überzeugung, die an Stelle der abgerissenen Traditionsbindung getreten wäre, hatte sich in der Schnelligkeit, mit der sich die Entwicklung vollzog, noch nicht Herausgebildet. So kam es zum Abfall. Das Programm Mendelssohns war gekennzeichnet durch eine doppelte Tendenz: das Judentum sollte als treues Judentum den Geist der Zeit kennen lernen und sich ihn zu eigen machen, soweit das Judentum solche Gemeinsamkeit gestattet. Daß diese Gemeinsamkeit möglich ist, wird durch Mendelssohns Freundschaft mit Lessing weithin symbolisch sichtbar. Aber der literarische Streit mit dem Theologen Lavater, durch den Mendelssohn tief aufgewühlt wurde und in dem er sein ungemindertes Judentum bewährte, offenbarte auch die Grenzen jener Gemeinsamkeit, die den Freund Lessings so sehr beglückt hatte. Über die Grenzen dieser Gemeinsamkeit stürmte die nachmendelssohnsche Generation hinaus. Aus dem dualistischen Programm: Judentum und Geist des Jahrhunderts wurde das monistische, das nur den Geist des Jahrhunderts zum Ziel hatte. Das deutsche Buch, das Buch des Dichters und Denkers wurde in den Berliner Salons der Dorothea Mendelssohn, Rahel Lewin und Henriette Herz mit religiöser Hingabe empfangen. Der Abfall vom Judentum, der dadurch entstand, ist „jüdischer" Abfall, denn selbst in dieser Treulosigkeit steckt noch ein starkes Moment der Treue: auch im Abfall blieb das Judentum geistig. Das Judentum kennt ein heiliges Buch. Diese Heiligkeit wurde in dem entstehenden Bildungsjudentum auf das weltliche Buch übertragen. Die Verdienste um die Kulturleistung, die dadurch dem deutschen Volk erwuchsen, sind nicht wegzuleugnen und müssen auch von uns Juden betont werden, wenn wir jetzt als Juden das negative Moment dieses Abfalls sehen. Das Bildungsjudentum ist keineswegs nur ein Problem des Judentums, 338